Freitag, 30. Oktober 2009



Guillin, 26. Oktober 2009

In China wird man immer überrascht. Da erwartete ich doch denselben Typ Nachtzug wie letztes Mal und diesmal waren „Soft sleeper“ - die Frau vom Hostel fragte mich ob ich einen „Hard sleeper“ wolle, was ich verneinte, in meinem Alter - diesmal also reise ich in einem Zug mit geschlossenen Abteilen und nur vier Betten darin. Und schlafe recht gut. Meine Mitbewohner, ein Paar und eine Frau, bieten mir auch diesmal gleich zu Beginn Früchte an, was ich akzeptiere. Ich werde ihnen später anbieten, was ich habe, nämlich Biskuits, doch sie werden ablehnen. Ich werde anschliessend ihr Angebot auf eine Dosensuppe zum Frühstück ebenfalls ablehnen, „houlai“ (choulai), später, werde ich sagen, was sie gut verstehen, wissen sie doch, dass wir solches am Morgen eher meiden. Und bin nun nicht mehr so ganz sicher, ob man Angebote hier annehmen soll oder ob dies lediglich Höflichkeitsgesten sind um jemanden, auch praktisch ohne Worte, willkommen zu heissen.

Am Morgen früh gibt es dann Tagwacht, ich frage sie, ob sie denn ebenfalls nach Guillin wollten, was bejaht wird. Da geht es nämlich noch gut 5 Stunden weiter. Sie verlassen dann aber denn Zug bei der nächsten Station, in „Nanning“, wie ich verstehe, und seither habe ich das ganze komfortable Abteil für mich alleine.
Nachdem wir während der Nacht wohl ziemlich weit hinauf und hinunter gereist sind, ich hatte einen extremen Druck in den Ohren, sind wir nun in einer flacheren Gegend, dicht besiedelt bisher. Der Himmel ist grau, was aber jetzt nichts mehr sagt, die Tage beginnen nun alle mit Hochnebel oder Nebel, der sich im Laufe des Morgens legt.
Eben gerade kommt eine Art Hostess das Abteil aufräumen, Papierkorb leeren, die Betten zurecht ziehen, im Zug hat es sehr viele Reisebegleiterinnen und -begleiter, auch die Toiletten sind immer noch sauber.

Gestern Abend fand ich sogar einen Speisewagen gerade nebenan – auch dies gab es letztes Mal nicht – weshalb ich sogar noch zu einem Nachtessen kam und mir mein obligatorisches Abendbier genehmigte. Hier wurde ich allerdings ziemlich bestaunt, offensichtlich tun das Langnasen selten, mindestens sehe ich vorher ein Dreiergrüppchen von Touristen nasenrümpfend zurückkehren. Es hat ihnen zuviel Rauch dort. Deshalb liebe militante Nichtraucher: Bitte niemals nach China reisen. Ihr werdet dort nur leiden oder die Leute belästigen. Was man als Gast sicherlich nicht tun sollte.
Im Zugrestaurant werde ich von einem Mann in schwarzer Uniform mit vielen Abzeichen, er sieht aus wie ein Polizeichef, bedient. In diesem Zug sind alle irgendwie uniformiert und etikettiert, ich denke, Chinesen mögen das.

Die Sonne tritt rötlich zwischen Wolkenrändern hervor, die Landschaft ist üppiggrün geworden, viel Wasser auch hier, wir folgen einem Flusslauf, Teiche überall, das ist etwas, das mir in China immer auffällt.

Dienstag, 27. Oktober 2009





Kunming 25. Oktober 2009

Das „Cloudland Youth Hostel“ in Kunming ist eine gute Adresse. Sauber, günstig würde ich nicht sagen, ein Chinesisches Hotel dieser Klasse würde viel weniger kosten. Der Vorteil dieses Hotels ist aber, dass die Angestellten sehr gut Englisch sprechen und einem auch alle Buchungen abnehmen. So musste ich mich weder um das Ticket für den Nachtzug heute nach Guillin, noch um den Flug von dort nach Shanghai kümmern, alles wurde für mich erledigt. Und zusätzlich kriegt man Informationen, mit welchem Stadtbus man wohin gelangt, dies alles sind unschätzbare Vorteile. – Dann aber auch: Wieder einmal normal sprechen zu können, sich mit Leuten auszutauschen. Hier hat es Travellers von überall her. Deutsch, Französisch, Englisch natürlich, wird gesprochen, Spanisch, auch Südamerikaner hat es, und Jüdisch. So ist es sehr einfach mit Leuten in Kontakt zu kommen und Erfahrungen auszutauschen, was zwischendurch gut tut und nützlich ist beim Reisen. Es gibt allerdings auch viele Dinge, die mich hier nerven. Zum Beispiel, dass alle drei aktuellen Ausgaben vom „Lonely Planet Guide“, die vom Hostel grosszügierweise in einer gut ausgestatteten Bibliothek zur Verfügung gestellt werden, unvollständig sind, weil sich manche Leute offensichtlich einfach die Seiten herausschneiden, die sie gerade brauchen. Und sich so das Geld für einen eigenen Guide sparen. Ganz ehrlich gesagt, passe ich hier viel mehr auf meine Sachen auf, als in irgend einem wirklich chinesischen Hotel. Dort würde solches nie passieren. Die Kundschaft im Cloudland ist sehr gemischt, auch Chinesen sind hier, doch offensichtlich gibt es kaum eine Vermischung zwischen dem chinesischen und dem ausländischen Publikum. Obwohl gerade diese Chinesen hier im allgemeinen Englisch sprechen. Auch altersmässig ist es sehr unterschiedlich, neben einem vorwiegend jungen Publikum gibt es auch ältere Leute wie mich.Und gerade gegenüber, im nächsten Hof eigentlich, vom Restaurant aus hat es Fenster, die auf diese Seite führen, auf der anderen Seite also, ist ein chinesisches Publikum. Ein ganz normales Quartier, die Leute wohnen da und vor allem – in Kunming ein speziell schlimmes Übel - spielen bereits ab Mittag an ihren kleinen Tischchen. So kommt man auch hier in den Genuss von echtem China. Mindestens als Zuschauer.
Vorgestern habe ich den „Ethnic Nationality Park“ besucht, der mit dem Stadtbus erreicht werden kann. Ich habe mir erhofft, hier endlich eine Übersicht zu bekommen über die verschiedenen Minoritätenvölker Yunnans. Bai, Naxi, Dai und Hani sind mir ja unterwegs bereits begegnet. Doch habe ich so viele verschiedene farbenprächtige Trachten gesehen, dass es schwierig war, sie zuzuordnen. Übrigens wird traditionelle Kleidung im Alltag wohl weltweit vorwiegend noch von Frauen getragen, die Männer zeihen solches höchstens für Festtage an. Sind Frauen denn traditionsbewusster? Nicht alle dieser alten Kleidungsstücke könnte man nämlich als besonders bequem bezeichnen. – Zurück zum Park, in dem ich hoffte, mir eine systematische Übersicht verschaffen zu können, auch zu den Baustilen, beispielsweise der Naxi, der Bai und der Yi, die sich sehr ähneln, Hofhäuser, auf drei Seiten umbaut mit Stirnwand als Schutz vor neugierigen Blicken. – Doch dies scheint nicht dem Bedürfnis chinesischer Touristen zu entsprechen, viel wichtiger sind hier gute Fotosujets. Überall können Trachten gemietet werden, etwas, wovon die Besucher rege profitieren. So kleiden sie sich schön bunt, und lassen sich vor einem netten Häuschen ablichten. Vor irgendeinem, das ist wohl gar nicht wichtig, alle Kleidervermieter haben nämlich alle verschiedenen Trachten, damit die Besucher auslesen können. Weshalb ich auch nur sehr bedingt herausgefunden habe, wie sich die einzelnen Minoritäten kleiden. Offensichtlich recht variabel auch, so dass es schwierig ist, zuzuordnen. Aufgefallen sind mir die witzigen, bunt gefärbten Plissejupes der Miao, die ich bereits häufig in Souvenirshops bewundert habe. Dazu tragen die Frauen eine Art Lampenschirm auf dem Kopf, der mit Metallschmuck und Perlen reich behängt ist. Etwas weiteres habe ich auch noch gelernt, nämlich, dass man auch in Yunnan bei manchen Völkern den Blockhausstil kannte. Das sieht dann effektiv fast aus wie in der Schweiz, dem Wallis am ersten, denn die Häuser stehen ebenfalls auf Stelzen, allerdings ohne die charakteristischen Steinplatten dazwischen. Leider war man in diesem Park aber zu faul, das richtig nachzubauen, weshalb gut sichtbar ist, dass die hervorstehenden Eckstücke nur aufgeklebt sind. Überhaupt zweifle ich etwas, ob alle Details hier auch wirklich stimmen, wahrscheinlich war dieser Anspruch nicht so wichtig. Hauptsache: ein Touristenmagnet.
Dasselbe ist natürlich auch Shilin, der Steinwald in der Nähe von Kunming. Extrem schöne Felsformationen, hochhausgrosse Karstzähne, zwischen denen Wege gebaut wurden, manchmal sind die Durchgänge so schmal, dass man Angst hat stecken zu bleiben. Und irgendwo schwappt zwischen diesen Gigantenzähnen ein Teich mit tintenschwarzem Wasser, über den Stege und Brücken führen. Unheimlich und schön. Man kann hier tagelang herumwandeln. – Doch das tun die wenigsten, sobald man von den zentralen Fotosujets weg ist, die mit Elektrobussen angepeilt werden, dann ist man ganz alleine. Oder fast. Zwischendurch trifft man auf andere ausländische Touristen und die paar wenigen Chinesen, die es auch bevorzugen, individuell herumzureisen.Im „Cloudland“ meint eine Französin, ja, das nerve sie auch, dieser chinesische Gruppentourismus, alle zusammen, eine hübsche Leiterin, die dauernd in ihr Megafon quacke und die Leute vorantreibe. Doch dies sei wohl der Beginn des Tourismus, ist die Französin überzeugt, vorher hätten sie das nicht tun können. - Ich habe darüber nachgedacht und denke, das stimmt nicht. Bei uns begann der Tourismus mit ein paar Individualisten, die als Spinner angesehen wurden und die Berge eroberten. Erst viel später folgte der Massen- und Gruppentourismus. Wahrscheinlich fühlen sich die Chinesen einfach wohler, wenn sie nicht alleine sind. In der dicht bevölkerten chinesischen Welt ein Vorteil.



Kunming 22. Oktober 2009

Von Zahlen und Zeichensprache. Mein Vertrauen, dass die Gestensprache überall auf der Welt ungefähr gleich funktioniere, wurde in China bereits am Anfang erschüttert. Beim Zählen. Schien es mir doch logisch, dass man jedes Mal einfach einen Finger mehr hochhält. Chinesen jedoch zählen anders. Zwei beispielsweise, sind nicht Daumen und Zeigfinger, denn das ist acht, sondern Ringfinger und Mittelfinger. Und bei zehn beispielsweise schlägt man die Zeigfinger beider Hände im senkrechten Winkel gekreuzt aufeinander, die Logik ist also ganz eine andere. Und unterdessen fällt es mir leichter, die Zahlen zu sagen und zu verstehen, als die Fingersprache. Doch häufig denken die Chinesen gleich wie ich, nämlich, dass es einfacher sei, mir mit den Händen klar zu machen, wie viel etwas koste - weil das doch logisch sei. – Das war zwar ein harter Schlag und verunsicherte mich arg, unterdessen habe ich aber bemerkt, dass trotzdem vieles, alles was mit Gemütsregungen zu tun hat sicherlich, problemlos über die Gestik verstanden werden kann. Gestern Abend im Konfuziuspark von Jianshui, wollten mir manche der älteren herumspazierenden Leute zu verstehen geben, dass ihnen meine Zeichnung gefiel. Das habe ich problemlos verstanden. Missfallen und Gefallen, das funktioniert ganz sicher bei den Chinesen genau gleich. Und wenn ich über etwas wütend werde, denn versteht man das hier auch, wenn ich in Englisch fluche. Obwohl ich mir inzwischen die passenden Worte angeeignet habe: bu dui, bu hao, das geht nicht, ist nicht gut, das will ich nicht oder bu xing, das bu sching ausgesprochen wird, mich an bullshit erinnert und deshalb besonders einfach zu behalten ist. - Das bei den Chinesen bekannteste englische Wort ist sicherlich hello. Gerade im Süden wurde ich überall mit hello begrüsst.

Ein weiteres sprachliches Detail, das mich erstaunt. Vater und Mutter heissen auf Chinesisch gleich wie bei uns, nämlich „Baba“ und „Mama“. Sind das wohl natürliche Urlaute, die jedes Menschenkind als erstes ausspricht? Ich suche nach den Worten in Swahili und finde sie momentan nicht. Doch erinnere ich mich daran, dass der Moritz, der Sohn meiner Schwester als erstes Wort „Auto“ sagte. Das mit den Urlauten kann also nicht stimmen.

Heute bin ich von Jianshui mit dem Bus nach Kunming gefahren. Ein luxuriöseres Busmodel diesmal, ich bin zurück in der Zivilisation. Auf dem Videoschirm läuft ein Film über chinesische Spieler in Las Vegas. Eine Gaunerkomödie. Chinesen sind einfach fasziniert vom Spielen.
Unterwegs wird die Landschaft eintöniger, Autobahn nun für den Rest der Reise, im allgemeinen flach, es wird intensiv Gemüseanbau betrieben, häufig auch unter Plastiktunneln. Auffällig sind die vielen riesigen neuen Moscheen. Saudiarabien engagiert sich wohl auch hier gerne. Man bringt die Religionen jetzt nach China zurück, auch die Japaner sollen aktiv beteiligt sein, den Buddhismus in China wieder aufleben zu lassen.

Freitag, 23. Oktober 2009



Jianshui, 21. Oktober 2009

Von Xingxi ist die Strase steil ein paar hundert Meter abgefallen nach Nancha, das merkwürdigerweise immer noch unter dem Namen Yuanyuang läuft. Die Stadt liegt auf einem tief eingeschnittenen Talboden, hier hat es keine Nebelschwaden mehr, es ist heiss, Palmen säumen den Strassenrand und bunt blühende Bougainvilleas hängen über die Mauern. Die Hügel ringsherum sind baumlos, von einer Garrigue ähnlichen Vegetation bewachsen, so trocken und kahl und ockerfarben und staubig war es schon lange nicht mehr. Gleich darauf schraubt sich die Strasse auf der Nordseite des Flusses unglaublich steil in die Abhänge eines Seitentales hinauf, die Ausblicke sind atemberaubend, die Kahlheit der Berge ebenfalls. Erst als wir wieder in grosser Höhe oben angelangt sind, beginnt der Nebel und damit erste Reisterrassen und Dörfer. Nach einem kurzen Plateau fällt der Weg bereits wieder ab, kahl die Hänge wieder, die Erde intensiv orangerot leuchtend, besonders dort, wo sich grosse Erosionstrichter gebildet haben und am schönsten vor grünen Föhren oder den hier angepflanzten Eukalyptusbäumen. Mr.Patersons Gegend, hier betreibt Sunshine Technology Wiederbewaldungsprojekte mit Eukalyptus. Und ehrlich gesagt, wenn der hier wachsen will, dann ist das sicherlich gut. Ganz offensichtlich sind die Hänge nach der Abholzung – man hat jetzt Mühe, sich vorzustellen, dass die einmal bewaldet waren – gänzlich ausgemagert, der Boden ist sehr arm, von selbst kommt hier kaum wieder Wald auf. Ein riesiges Gebiet ist das, das kann man sich in der Schweiz gar nicht vorstellen.

Heute habe ich schon wieder Glück gehabt in dem Sinne, dass ich problemlos ein gutes günstiges chinesisches Hotel gefunden habe, ich mag das Zimmer sehr. Nur sind am Abend in den Zimmern ringsherum offensichtlich vergnügungswütige Chinesen eingezogen, die sich ihr Leben mit Reisen und – des Abends eben, was kann man denn sonst machen in einer kleinen Provinzstadt - spielen versüssen wollen. So befinden sich momentan in meinem Nebenzimmern rund 10 Chinesinnen und Chinesen und spielen Karten. Ob sie dazu trinken, das weiss ich nicht. Dass das einen ganz fürchterlichen Krach macht hingegen schon. Dabei liegt mein Zimmer auf der Rückseite des Hotels, mit wunderbarem Blick über die tieferen alten Häuser, es war eine ruhige Nacht zu erwarten.
Ich bin nun in Jianshui, einem weiteren Ort, der erst daran ist, vom Tourismus erschlossen zu werden und in meinem Reiseführer gar nicht vorkommt. Es gibt hier einen Konfuziustempel und eine Altstadt, die noch wirklich Altstadt ist, will heissen lebt, obwohl auch hier sicherlich etliche Häuser nicht wirklich alten Datums sind sondern nachgebaut. Auffällig ist der für China hohe Anteil an verschleierten Frauen – nicht mehr als in Bern, das doch nicht - das habe ich im ganzen Süden sonst nie gesehen. Habe ich wohl deshalb heute etwas länger gebraucht um mein Abendbier zu finden, das ich mir wie immer, während des Schreibens im Hotelzimmer genehmige?
Jianshui ist noch eine ganz normale lebhafte Stadt, da würde ich gerne bleiben, doch mittlerweile habe ich einen strikten Fahrplan, am 30.Oktober ist Abreise. Die Abenddämmerung verbringe ich im Park und auf den grosszügigen Plätzen rings um den Konfuziustempel. Die Stunde, wo es alle aus den Häusern lockt. Die Vogelfreunde haben ihre Singamseln bereits in die Bäume gehängt und hören andächtig zu. Ein paar Drachenfreunde haben ihre Papiertiere in die Luft steigen gelassen wo sie um die Wette fliegen mit den viel wendigeren Fledermäusen, die Eltern kommen mit ihren Kleinen, für die es ein Karussell und weitere Spielzeuge hat, die Älteren vergnügen sich an Billardtischen, die im Freien stehen und des nachts zugedeckt werden, und alte Leute machen ihre Spaziergänge, Schüler wandeln in den Parks herum und lernen laut ihre Texte auswendig oder lesen sie mindestens ab. Ein friedlicher Herbstabend, ich fühle mich wohl.


Xingxi, 20. Oktober 2009

Die Chinesen sind ein sehr energiebewusstes Volk. Sobald irgendwo ein Licht nicht mehr benötigt wird, kommt sofort jemand und schaltet es aus. Und in den Hotelzimmern sind die Glühbirnen meistens derartig schwach, dass es praktisch unmöglich ist, zu lesen. Seit ich mir eine starke Glühbirne gekauft habe, kann ich das wieder bequem tun, so manch düsteres Hotelzimmer hat sich damit in bestem Licht gezeigt. Energiebewusst sind die Chinesen auch in dem Sinne, dass südlich vom Yangtse nicht mehr geheizt werden darf. Oder durfte, das ändert sich wohl etwas. Obwohl da winters durchaus auch Temperaturen um den Gefrierpunkt herum vorkommen können. Ein letztes leidiges Thema dazu ist das Warmwasser. Ganz selten kann wirklich heiss geduscht werden. Auch hier habe ich eine Methode entwickelt. Ich giesse heisses Wasser aus der Thermoskanne oder dem Teekocher ins Lavabo, so kann ich mich wenigstens warm waschen, etwas, das ich bereits wieder schätze. Der Herbstnebel kriecht des abends über die Berghänge, die Nächte sind kühl und feucht und er bleibt auch am Morgen noch lange liegen.
Diese Energiesparmanie, die ja lobenswert ist, macht ebenfalls, dass eine kleine Stadt wie Xingxi bereits um sieben Uhr abends im Dunkeln liegt, die Tage werden kürzer, das ist in China genauso spürbar. Ich gehe der langen Strasse entlang, die über den buckeligen Grat führt, von Geschäften gesäumt, die aber die meisten bereits geschlossen sind, eine Strassenbeleuchtung existiert nicht, zwangsläufig eine Fussgängerzone, denn zwischendurch gibt es Teilstücke mit Treppen. Beidseitig Ausblicke durch schmale Seitengässchen, die schwindelerregend steil, meist Treppen, hinunterführen. Dies ist der hauptsächliche Reiz von Xingxi, einem Ortsteil von Yuanyuang, das für seine Reisterrassen berühmt ist. Noch nicht allzu sehr, der chinesische Massentourismus ist nicht hier angelangt. Zu abgelegen wohl. Aber wahrscheinlich auch, weil sich Berghänge schlecht vermarkten lassen. Wo soll man da Eintritt verlangen?

Yuanyuang ist zwar eine angenehme kleine Stadt, doch beschliesse ich trotzdem, heute weiter zu reisen. So viele – und auch noch weit schönere - Reisterrassen habe ich auf meiner dreitägigen Reise durch das Gebirge gesehen, da kann mich dieser Ort nicht mehr sonderlich beeindrucken.

Zum Thema Emanzipation. Warum gibt es in der Schweiz eigentlich nie Proteste, dass nicht gleich viele Frauen wie Männer Bauarbeiterinnen, Strassenwischerinnen oder Abfallentsorgerinnen sind? Da würde sich doch ebenfalls eine Quotenregelung aufdrängen. Hier in China mindestens, werden auch diese Arbeiten gleichermassen von Männern wie von Frauen erledigt. Überhaupt kann man hier das Schema von Männerberuf und Frauenberuf offensichtlich gänzlich vergessen. Ich weiss nicht, wie heutzutage die Leute hier ihren Beruf auswählen. Wohl kaum nach Wünschen und Träumen, wenn sie Glück haben vielleicht nach Neigungen. - Während der Kulturrevolution war das klar, da sagte die Partei, was für Leute sie brauchte, der einzelne hatte nichts zu seinem Schicksal zu sagen. Auch Intellektuelle wurden in Fabriken und zur Landarbeit geschickt. - Selbst heute machen die meisten Leute in China eine Arbeit, die körperlich sehr anstrengend ist und in der Schweiz wohl von der Suva verboten wäre. Männer wie Frauen.

Luchun, 19. Oktober 2009
Ganz unbemerkt bin ich heute wieder aus tropischem Gebiet in gemässigte Zonen zurückgereist, erst heute Nachmittag fiel mir dies auf. Keine Kautschukplantagen mehr, nur noch wenig Tee, Bananen schon noch, doch nur einzelne Stauden, nicht mehr ganze Hänge voll, überhaupt weniger saftig grün, weniger wuchernd, Ockertöne dazwischen, erste Nadelbäume tauchen auf. Dafür nun steile Hänge voller schmalster Reisterrassen, die häufig noch unter Wasser stehen, die berühmten Terrassen von Yuanyuang, von den Hani erschaffen, beginnen vermutlich bereits hier. Die Dörfer zeichnen sich durch keinen charakteristischen Baustil mehr aus, einfache kleine Steinhäuser, auffällig ist eher die Lage der Siedlungen, meistens zuoberst auf einer Bergkrete oder einem vorspringenden Sporn. Dörfer mit Adlersicht. Auch Lüchun, die Stadt, in der ich heute übernachte.

Der Buschauffeur am Morgen steigt erst kurz vor der Abfahrt in den Bus ein, gesprächig ist er nicht. Ein Knabe erst, scheint mir, der ist doch keine 20 Jahre alt, hoffentlich macht der seinen Job recht. Der Junge blickt unter extrem langen und geraden Wimpern hervor mit einem sanftmütigen, aber entrückten und undurchdringlichen Blick. Wie eine Kuh, fast glaube ich seine Kiefer mahlen zu sehen. Die Augen sind stark schräg gestellt und schmal, den Mund hat er vom Lucky Look geerbt und meistens hängt auch eine Zigarette darin. Extrem ruhig fährt er den Bus durch den noch Nebel verhangenen Morgen, nichts schient ihn aus der Ruhe zu bringen, das sehe ich gut, denn heute habe ich den Sitz gleich neben dem Fahrer. Nach etwa einer Stunde Fahrt kommen wir durch ein Dorf, wo gerade Markt ist, buntes Treiben, das mich ganz merkwürdig an Szenen in Südamerikas Anden erinnert. Und die hier oft dunkelhäutigeren Leute mit den etwas kantigen Gesichtern gleichen den Indios, finde ich. Kurz nach der Ortschaft hört der Strassenbelag auf, eine glitschige rote Fahrbahn führt in engen Windungen den steilen Hügel hinab. Irgendeinmal fahren wir auf eine Kolonne stehender Lastwagen auf, auch Personenwagen hat es dazwischen, und unser Bus bleibt stehen. Wie bereits gestern, stelle ich fest, dass dies alle als willkommenen Toilettenstopp nutzen, doch diesmal habe ich gelernt und versuche anschliessend herauszufinden, was eigentlich los ist. Etwa hundert Meter weiter, hinter der nächsten Kurve, löst sich die Strasse definitiv in Schlamm auf, ein Erdrutsch muss kürzlich über die Fahrbahn geglitten sein, in beiden Richtungen stehen Lastwagen bis zum Bauch im Schlamm, für mich sieht die Situation ziemlich hoffnungslos aus, etwa sechs Männer sind mit Schaufeln und Hacken am Werk. Ein Durchkommen? Auch heute zeigen sich die Buspassagiere erstaunlich unbeteiligt, sitzen im Schatten am Strassenrand ab, die Sonne beginnt auf den Bus einzubrennen. Nach etwa einer halben Stunde fährt unser Fahrer ohne Ankündigung an, überholt all die wartenden Fahrzeuge und bleibt genau dort in der Spur stehen, wo die Reifen noch etwas Halt finden. Ich begreife dieses Manöver überhaupt nicht, immer noch sind beide Spuren blockiert und nun würde unser Bus auch noch das entgegenkommende Fahrzeug behindern, falls dieses sich befreien könnte. Doch offensichtlich hat unser junger Chauffeur etwas mehr gesehen als ich und wollte sich den ersten Platz sichern. Ungefähr 5 Minuten später schafft es der Lastwagen, der in derselben Richtung fährt wie wir, sich aus dem Schlamm los zu reissen, die Spur ist frei. Nun sehe ich unseren Fahrer auf die Leute mit den Schaufeln einreden, hier noch etwas mehr Erde, dort noch etwas, gibt präzise Befehle und testet den Boden mit seinen Füssen aus. Nach weiteren fünf Minuten fährt er den Bus mit gewaltigem Tempo, ich habe Angst, dass der sich dabei überschlägt, das viele Gepäck auf dem Dach kommt arg ins Schwanken, und schon ist er durch den Schlamm hindurch. Worauf er, noch immer auf sehr matschigem Boden, anhält und zurückfährt um dem Bus aus der Gegenrichtung, der ebenfalls im Schlamm feststeckt mit einem Seil hinaus zu helfen. Wenn das nur gut kommt, denke ich, das scheint mir eine heldenhafte, aber gewagte Tat. Doch meine Angst ist unbegründet, es klappt auf Anhieb, ich bin wirklich begeistert, solch ein Fahrer, das hätte ich ihm nie zugetraut. Wir steigen alle wieder ein und ich mache ihm ein Kompliment, natürlich auf Englisch, doch bin ich überzeugt, dass Komplimente international verständlich sind. Und denke auch, dass er verstanden hat, ich glaube ein winziges stolzes Glitzern in seinen Augen zu sehen, die sonst, wie das ganze Gesicht während der ganzen Fahrt völlig unbewegt bleiben. – Unsere Reise wird dann noch rund acht Stunden weitergehen, nicht mehr ganz so schlimm, doch vielerorts versperren Erdrutsche die Fahrbahn oder Bäche haben unheimliche Mengen von Geschiebe auf die Strasse verfrachtet, oder Teile der Strasse sind abgerutscht. Entlang eines Flusses, der erst seit kurzem gestaut sein muss, wurde erhöht in den Hang eine neue Strasse gezogen, die bereits zu einem grossen Teil abgerutscht ist oder von Rutschen überdeckt. Trotz meinem riesigen Vertrauen in diesen Chauffeur, frage ich mich zwischendurch, wenn der Bus sich durch glitschigroten Boden malmt und der Abgrund gleich daneben gähnt, ob ich eigentlich soviel Abenteuer überhaupt gewünscht habe. Beim Mittagsrast in einem Busbahnhof in einem Städtchen im nirgendwo esse ich wunderbaren Reis mit Gemüse für fast nichts, unser Buschauffeur setzt sich vor den Fernseher und zündet sich eine Zigarette an. Und steht nach einer Viertel Stunde wieder auf, hupt laut, alle zurück in den Bus und weiter geht es, dazu braucht es keine Worte. Ich habe den Jungen den ganzen Tag nichts essen und kaum trinken sehen. Vielleicht stimmt ja der Buddhismus doch mit seiner Theorie, das nichts real sei. So ganz begriffen habe ich das ja nicht, (finde die Theorie auch sehr schwierig und frage mich, wie so viele Westler sich für diesen Glauben begeistern können; haben die das denn wirklich verstanden?) doch Körper und Geist scheinen mir bei diesem Wesen effektiv zwei getrennte Dinge, da ist nur Konzentration und Wille während dieser langen Fahrt, seinen Körper fühlt der Junge ganz offensichtlich nicht. Und hätte ich nicht zwischendurch sein lautes Spuken zum Fenster hinaus gehört - das scheint vor allem in den Bussen wirklich ein Volkssport zu sein - dann wäre ich in den schläfrigen Nachmittagsstunden nicht erstaunt gewesen, ich kämpfe mit dem Schlaf, alles wird halbwegs Traum, ihn in einer Kurve abheben und über die Wolken davon schweben zu sehen.

Gegen Abend hält der Bus in einer kleinen Stadt auf einem steilen Hügel oben. Luchun ist erreicht, eine weitere Stadt, die es in keinen Reiseführer schafft, ich werde nochmals einen Tag benötigen, um mein Ziel zu erreichen. Nachdem ich mein Ticket für Morgen gekauft habe und mich die nette Verkäuferin auch gleich zu einem Hotel gebracht hat, genehmige ich mir ein heisses Bad, das erste wirklich heisse Wasser seit langem und das zweite Mal eine Badewanne. Zwei Tage nacheinander übernachte ich gleich neben der Busstation in einem chinesischen Hotel gehobenen Standards, ich mag nicht lange herumsuchen, morgen geht es sowieso weiter. Solche Hotels kosten in dieser Gegend 60 Yuan, also rund 10 Franken für ein Doppelzimmer. Sie sind riesig bemessen und mindestens drei Meter hoch, Tischchen, Sessel, Schreibtisch und natürlich Fernseher sind vorhanden. Und im Badezimmer eine europäische Toilette, einfache chinesische Hotels haben normalerweise ein Plumsklo, und statt einer Dusche darüber, daneben eine Badewanne. Einziger Makel: das Internet kann ich hier vergessen. Im weiteren ist für diesen Typ Hotel, selbst in gehobenen Klassen, auffällig, das meistens höchstens zwei Drittel der Lampen funktionieren – der Fernseher immer, das gäbe sonst Probleme - und dass sowohl in den Badetüchern, wie in den Kissenbezügen durchaus Löcher vorkommen können. Falls es Spannteppiche hat, so sind die leicht schmuddelig, worüber ich nicht mehr staune, denn die Angestellten versuchen mich immer davon zu überzeugen, dass ich ruhig die Schuhe anbehalten könne, wenn ich ein Zimmer besichtigen gehe. Die Nase muss oft mit Kanalisationsgeruch oder abgestandenem Zigarettenrauch, der in den Spannteppichen und Vorhängen kleben bleibt, leben können. - Doch über den Preis darf man nicht klagen, selbst ein einfaches Hotel, das sich auch an ein westliches Publikum richtet, kostet rasch das Doppelte.

Luchun ist eindeutig wieder eine chinesische Stadt, merkwürdig, wie Klima und Bewohner übereinstimmen. Eine hässliche Stadt, trotz ihrer Lage mit sensationellen Ausblicken auf die terrassierten Hügel ringsherum. Protzige Gebäude in kommunistischem Monumentalstil verunstalten das Stadtbild, entlang der Hauptstrasse auch hier eine riesige Bautätigkeit, sehr dicht wird gebaut, der wenige flache Boden will gut genutzt sein, schon bald fällt beiderseits der Hauptstasse das Terrain steil ab, das Bauen wird aufwändig. Ein Quartier der Stadt besteht aus einer Kaserne, ich bin dort nicht erwünscht. Wohl deshalb die protzigen Regierungsbauten, die Chinas Präsenz hier auf eine penetrante Art markieren. Haben die Hani, die von den Dai aus den fruchtbaren Ebenen und Hügelgebieten des Südens in die steilen Berghänge hinauf vertrieben wurden, wo sie ein meisterhaftes Können im Bau von Reisterrassen selbst an den steilsten Hängen entwickelten, sich wohl diesmal gewehrt gegen die neuen Besatzer, dass sie derartig stark mit Militär beglückt wurden?
Ein witziges Detail. Als erstes bemerke ich, dass auf der Hauptstrasse offene Elektrobusse verkehren, wie dies an allen touristisch erschlossenen Plätzen der Fall ist. Ich bin etwas erstaunt und denke, dass die chinesische Tourismusindustrie wohl bemerkt hat, dass atemberaubende Reisterrassen auch in Luchun zu haben sind. Später stelle ich jedoch fest, dass es sich nicht um Touristen, sondern um normale Bewohner handelt, die Elektrobusse scheinen ein Stadtbusnetz zu ersetzen, was angesichts der Grösse des Ortes durchaus sinnvoll ist. - Westliche Touristen scheinen hier selten vorbei zu kommen, ich falle auf, doch sind die Bewohner weit zurückhaltender als in den vorigen Orten.

Donnerstag, 22. Oktober 2009

Jiangcheng, 17. Oktober 2009

Jiangcheng liess sich in keinem Reiseführer finden, ich wusste, dass ich mich auf ein Abenteuer einliess. Doch um von Jinhong zu den berühmten Reisterrassen in Yuanyang zu gelangen, gab es entweder einen Nachtbus oder dann die Strecke der vietnamesischen Grenze entlang mit Buswechsel und Übernachten in diesem Jiancheng. Ich habe die zweite Variante gewählt, denn ich wollte etwas von der Gegend sehen.

Als ich heute Morgen in Menglun in den Bus stieg, roch es streng darin, Bauern, hatte ich das Gefühl, zurück in ihre Dörfer und war froh, als sich der erste Fahrgast eine Zigarette anzündete. Sogleich begann sich der Bus in die saftiggrünen Hügel hinauf zu winden, die Strasse war steil und kurvenreich, die abschüssige, zerfurchte Hügellandschaft – das Emmental lässt grüssen – ist nur noch stellenweise vom tropischen Urwald bedeckt. Der grösste Teil der Landschaft ist mit Gummiplantagen bepflanzt oder mit Tee, seltener Bananen. Ältere Gummibaumplantagen mögen für Nichtbotaniker recht natürlich wirken, aus der Ferne sieht man die schmalen Terrassen nicht mehr, die in die Abhänge geformt wurden. – Doch was will ich anklagen, im Emmental ist der Wald ja auch rar geworden, kein Grund also zu erwarten, das hier alles noch reine Natur. Immerhin macht die tropische Natur, dass alles wild spriesst und wuchert, nicht nur ganz das was soll, und verwundert stelle ich fest, dass selbst die steilsten Terrassen in den Hängen offensichtlich nicht von Erosion bedroht sind. Derartig schnell schliesst sich die üppige Pflanzendecke wieder und schützt den nackten roten Boden.

Nach ungefähr einer Stunde hält der Bus in einer steilen Kurve, beste Aussicht auf die umgebende Landschaft hinunter, ein paar Motorräder warten auch dort, einige Menschen sitzen herum, ein steiler Weg führt zu einem Dorf hinunter. Ein Mann und eine Frau stehen auf und verschwinden offensichtlich im Gebüsch. Ich finde das einen originellen Toilettenhalt, der Chauffeur beginnt zu telefonieren, eine Weile geschieht sonst nichts. Dann stehen die meisten Busteilnehmer auf und verschwinden ganz offensichtlich im Gebüsch, der Buschauffeur telefoniert immer noch, die Zeit vergeht und schliesslich finde auch ich, dass ich das ja mal ausprobieren könne. Ein Stück die Strasse rückwärts, dann eine Terrasse hinunter, von der Strasse her sieht man mich nicht mehr, dort finde ich die Frauen bei ihrem Geschäft. Ich hocke mich ebenfalls hin und bin ganz begeistert von der Aussicht, die sich mir bietet und finde den Chauffeur wirklich toll, das ist weit besser als die stinkigen schmutzigen Aborte in den Bushaltestellen. Inzwischen hat der Buschauffeur den Deckel über dem Motor abgenommen, er misst den Ölstand, die Busse hier haben die Motoren von oben zugänglich direkt neben dem Fahrer in der Mitte platziert. Ich setze mich wieder, der Chauffeur telefoniert immer noch, ich beginne Wörtchen zu repetieren und ungefähr nach einer Stunde finde ich doch, das dieser Buschauffeur seine persönlichen Probleme ruhig ausserhalb seiner Arbeitszeit lösen könnte und nun langsam weiter fahren. Nach einer weiteren halben Stunde hat sich der morgendliche Nebel verzogen, die Sonne brennt gnadenlos auf den Bus hinunter, was mich veranlasst, diesen erneut zu verlassen. Draussen sehe ich dann einen Mann unter dem Bus etwas manipulieren, und mehrere Männer die daneben hocken. Niemand spricht, keine guten Ratschläge oder Fragen, doch mir wird endlich klar, dass da etwas nicht stimmt. Dass der Fahrer herumtelefoniert hat um zu fragen was zu tun sei. Inzwischen ist offensichtlich ein Auto mit einem Mechaniker angerückt, der den Schaden zu beheben versucht. Einige Busse passieren uns von beiden Seiten und halten jeweils an. Ich denke daran, den Bus zu wechseln, doch der Fahrer bedeutet mir nein, der Buss sei gleich wieder fahrbereit. Wenn ich dem Treiben unter dem Wagen zuschaue, finde ich das recht optimistisch. Der Fahrer erhält von einem weiteren Bus sein Mittagessen mitgebracht, er organisiert sich gut ist zu sagen. Kurze Zeit darauf springt der Motor wieder an, die Reise geht weiter, ich glaubte damals noch, so in rund zwei Stunden seien wir am Ziel. – Angekommen sind wir dann gut 6 Stunden später, ich habe diese Reise gänzlich unterschätzt. 180 km durch enge kurvenreiche Gebirgsstrassen, das braucht offensichtlich viel Zeit. Auch wenn der Bus nun nicht mehr bockt. Zweimal noch hält der Chauffeur an und öffnet zur Kontrolle die Haube zum Motor. Leichenstille im Bus, niemand spricht und nach einer Weile fährt der Chauffeur weiter und mir fällt ein Stein vom Herz. Keine Ahnung, was dem Motor gefehlt hat.

Auf der Strecke begegnen wir vor allem Lastwagen und Maultierkarawanen, die schwere Säcke geladen haben, dem widerlichen Geruch nach nehme ich an, ist es Kunstdünger. Der südafrikanische Forstingenieur, den ich kennen gelernt habe, hat mir bereits gesagt, dass die chinesischen Böden extrem mager seien, wahrscheinlich von Natur aus, bereits die Gesteine. Ohne Düngung könne man hier selbst Eucalyptus nicht anpflanzen. Und Maultierkarawanen sind hier offensichtlich mit Lastwagen noch konkurrenzfähig. Je weiter wir ins Land eindringen, desto häufiger sind es Hunde, Ziegen oder eben Maultiere und ihre Führer, die uns auf der Strasse begegnen. Sobald sich die Strasse wieder etwas in Talsohlen hinunterbewegt, wird Reis angebaut, etwas höher noch Mais und die charakteristischen Holzhäuser der Dai klammern sich auf Stelzen in die steilen Hänge. - Von wegen Minoritätenpark in Ganglanba. Hier oben liessen sich viel grössere noch ursprünglich erhaltene Siedlungen finden.
Etwas höher in den Hängen, dort wo die Gummibaum- und Teestrauchplantagen beginnen, sind die
Siedlungen neueren Datums. Ganz offensichtlich wurden sie erst kürzlich angelegt. Zusammen mit den vielen jungen Plantagen, die man an den zarten Bäumchen einfach erkennt. Häufig werden im jungen Stadium noch Teehecken dazwischengepflanzt, oder Ananasstauden.

Wunderschön ist sie, diese Landschaft, die am Busfenster vorbei zieht, doch irgendeinmal gegen Abend werde auch ich müde vom Schauen und Geschütteltwerden und bin froh, als wir endlich ankommen. Glücklicherweise finde ich ein passables Hotel, mehr als ich hier erwartet habe, gleich neben dem Busbahnhof. Komplizierter wird es mit der Organisation der Weiterfahrt morgen nach Yuanyang, fast befürchte ich schon, ich müsse nun doch noch zur Notleine greifen und dem Mr.Guo telefonieren, der mir anbot, bei Schwierigkeiten jederzeit an ihn zu denken, er fungiere dann als Übersetzer. Doch zum Glück kommt es doch nicht so weit. Ich finde erstens heraus, dass der Bus zwar nicht von hier, doch von der Bushaltestelle nebenan fährt und dass es zweitens gar keinen direkten Bus nach Yuanyang gibt. Nur einen bis Lüchun, das gehe so rund 5 Stunden, dort müsse ich umsteigen. Und ob ich dann bis am Abend in Yuanyang bin, darauf mag ich mich momentan nicht verlassen. Ein weiterer beschwerlicher Tag also.

Jiancheng ist gar nicht so winzig, grösser mindestens als die vorderen beiden Orte wo ich übernachtet habe, aber eben touristisch uninteressant. Normale chinesische Kleinstadt im tropischen Hügelland. Doch in der einzigen langen Ladenstrasse finde ich endlich ein passendes Ladegerät für mein Sony Ericsson, es hat hier Duzende von Läden mit Natels, und auch die chinesische Durchfallmedizin ergänze ich vorsichtshalber wieder. Auf der Strasse werde ich von einem Grüppchen fröhlicher Frauen angehalten, die wollen, dass ich mich zu ihnen setze. Trotz Sprachproblemen kann ich ihnen auf die meisten Fragen antworten. Ja, ich reise alleine. Aus der Schweiz komme ich. Und ja, 50ig jährig sei gar nicht so schlecht, da habe sie gut geraten. Und gegessen hätte ich bereits, danke. Nach Yuanyang wolle ich weiter. Ich finde sogar heraus, dass die Frau, die an einem Holzstück herumhobelt, daran ist, eine Medizin herzustellen. - Ist doch wahnsinnig, wie viel Kommunikation möglich ist, wenn alle wollen.



Menglun, 17. Oktober 2009

Auf 570m Höhe gelegen ist der Botanische Garten von Menglun, Jahresmitteltemperatur ist 21.5 Grad, der Garten bedeckt eine Fläche von 1100ha. Er liegt auf einer Halbinsel, gebildet durch den Luosuo River, der Zugang war ausschliesslich über die Hängbrücke vom Zentrum des Städtchens aus. Seit Kurzem wurde etwa 1km vor der Stadt ein Touristenempfangszentrum eingerichtet. Das bedeutet in China riesige Parkplätze, ein imposantes Eingangstor - das braucht jede Sehenswürdigkeit hier - Souvenirshops und einen Parkplatz für die Elektrobusse. Eine Betonbrücke überspannt hier den Fluss und beidseits davon werden die Ufer des Flusses planiert, auf der einen Seite sind die neuen Gebäude bereits recht hoch gewachsen. Man wappnet sich für den Touristenansturm.
Prof.Cai Xitao (sprich:Tsai Hschitao) hat den Garten vor 50 Jahren gegründet. Und hat damit wirklich etwas ganz Wunderbares geschaffen. Die Sammlung von Palmenarten ist ausgezeichnet und soll zu den Besten weltweit gehören und ebenfalls die Bambussammlung ist eindrücklich. Einzig mit dem neu eingerichteten Teil mit Ziersträuchern, Teichen und billig gemachten Holzbrücken und Pavillons kann ich nichts anfangen. Gezeigt werden hier gezüchtete Varietäten, statt natürliche Arten aus unterschiedlichsten Gegenden. Doch wen kümmerts, gerne wird vor den bunten Blumen posiert, die Reiseleiterin wartet geduldig, bis alle ihr Foto geschossen haben und ab geht es wieder in den Elektrobus bis zum nächsten Fotosujet.

Chinesen scheinen ein Problem mit dem Rechnen zu haben. 1 Woche Ferien im Frühling und eine im Herbst, zu den Feierlichkeiten der Gründung der Republik und weiteren Festivitäten. Und einmal pro Jahr mache man einen Ausflug mit den Leuten aus dem Betrieb oder der Schule. - Warum denn sehe ich auch jetzt noch ganze Busladungen mit chinesischen Gruppentouristen, die angekarrt werden? Das ist doch nicht möglich, wo bleibt da die Arbeitsmoral? Und sechs Tage arbeite man pro Woche, beteuert man mir. Und trotzdem sehe ich jeden Nachmittag, spätestens allerdings ab vier Uhr, die halbe Bevölkerung um Spieltische versammelt. Auf den Trottoirs, in Restaurants oder in Parks. Und die zweite Hälfte schaut zu.


Ganglanban 16. Oktober 2009

Im Morgengrauen erwache ich von einem Wischen. Häufig ein frühes Geräusch in den Tropen, das erinnert mich an Sansibar. Ich stehe auf und will die Morgendämmerung geniessen. Wenige Leute sind aufgestanden um 7 Uhr morgens. Vor allem die Kinder, die auf dem Schulhof nebenan Ball spielen. Dafür habe ich die Bauern gestern, bis es fast finster war, noch auf den Feldern arbeiten sehen, offensichtlich gehören sie nicht zu den Frühaufstehern. Ich gehe zu den Ufern des Mekong, die gegenüberliegenden Hügel sind Wolken verhangen, die Sonne dringt nur vorsichtig durch die Nebelschwaden, eine eindrückliche Stimmung, Herbstnebel bereits. - Die ich nur im Gedächtnis bewahren werde, mein Fotoapparat wird seit Tagen immer schlechter, die Belichtung funktioniert nicht mehr recht und am oberen Rand, meist dem Himmel, wird alles rot eingefärbt - weshalb ich ihn oft gar nicht mehr mitnehme. Ersetzen? Ich bin am Zweifeln. Einerseits die Weisheiten Laotses und andererseits eben doch meine Touristenseele, die glaubt, alles fotografisch einfangen und verewigen zu müssen.
Die Landwirtschaft hier ist übrigens alles andere als rückständig, kilometerlang wurden Plastikbahnen im Abstand von etwa 2 Metern in den Boden verlegt und in Löcher Setzlinge gepflanzt, was der Landschaft ein witziges gestreiftes Aussehen gibt, von der Sonne beschienen leuchtet der Plastik an manchen Stellen grell auf. Auch die Bananen wachsen nicht einfach so vor sich hin, nein, sie sind dicht in akkurate Reihen gepflanzt und die Fruchtstände werden zur Reifung in Papier und Plastik verpackt. Und die Bauern laufen mit Giftkanistern auf dem Rücken herum, Monokulturen, soweit das Auge reicht.
Als ich von den Uferböschungen des Mekong zurück komme, ertönen bereits wieder chinesische Opern aus den riesigen Lautsprechern der neuen Betonarena. Madame Mao, Genossin Jiang Ching, soll die sehr geliebt haben und sich dafür engagiert, erfahre ich im Buch „Rote Azalee“ von Anchee Min. Anschliessend, während ungefähr 20 Minuten, Ansprachen. Politische Indoktrinierung? Ich verstehe nichts, doch nach dem eben erwähnten Buch würde mich das nicht erstaunen. Wird mit der grosszügigen Hilfe für die Minoritäten in den Randregionen auch gleichzeitig eine politische Erziehung verknüpft? Ich könnte mir das gut vorstellen. Und als der Lautsprecher der Arena fertig ist, beginnt gleich dasselbe auf dem Schulareal. Stelle ich mir mindestens vor, das bleiben Hypothesen. So viele Fragen hätte ich hier, in diesem Dai-Nationalitätenpark, doch seit zwei Tagen habe ich niemanden mehr getroffen, der auch nur etwas Englisch sprach. Das ist manchmal schon frustrierend.

Die tropische Lockerheit ist nicht immer einfach zu ertragen. Ich bitte den Besitzer des Guesthouses mir ein Taxi zu rufen. Nach einer halben Stunde und einem zweiten ermahnenden Telefon ist das immer noch nicht da, ich beschliesse, mich alleine auf die Socken zu machen und einen Wagen auf der Strasse zu stoppen. Recht bald hält ein Dreirädertaxi an. Unterwegs jedoch kriegt der Fahrer ein Telefon und – was ich normalerweise schön finde – hält zum telefonieren an. Nur will das nicht enden und so ich kriege immer mehr Angst, dass mir der Bus davonfährt.

Die Region Xishuangbanna ist definitiv nicht mehr China. Winzige Ameisen rennen zwischen den Tasten meines Labtops herum. Das sowieso nicht mehr viel nützt, weil hier das Wireless Lan unbekannt zu sein scheint, heute bin ich zum zweiten Mal in den Genuss eines Internetshops gekommen. Gestern hatte es nur vier Plätze und der Besitzer half mir breitwillig – weshalb alles erstaunlich gut ablief – heute dann ein Internet mit mehr als 20 Plätzen, bis auf eine Person waren alle am gamen. Auch der Leiter. Und liess sich nur sehr ungern stören. Immerhin, dank diesem Umstand habe ich nun auch eine Ahnung über die Probleme, die ein Traveller in China antrifft, wenn er kein eigenes Labtop hat. Auf Chinesisch sieht selbst Windows ganz neu aus. Und wenn man nicht weiss was „ja“, „nein“ und „abbrechen“ in chinesischen Schriftzeichen heisst, dann wird jegliches weitere Manipulieren des Computers zur Lotterie. – Aber ich bin hartnäckig. Fluche zwar fürchterlich, es versteht mich sowieso niemand, über all diese gamenden Kiddys, die derartig mit sich selbst beschäftigt sind, doch am Schluss schaffe ich es allein. Und beruhigend ist das irgendwie auch. Oder eher beunruhigend: Offensichtlich verhalten sich gamende Kiddys weltweit gleich.

Kurz darauf zweifle ich erneut, ob ich in China bin.....diese idiotischen Ameisen verschwinden zwischen den Computertasten ins Innere, verdammt nochmals, wie in Sansibar, vielleicht heizt mein armes Labtop deswegen dauernd wie verrückt, Insektenkrematorium oder so. Ich hoffe, mein lieber Apfel gibt nicht auch noch seinen Geist auf während dieser Reise,........Also: Im Strassenrestaurant, ich wähle gegrillte Spiesschen, ganze Fische gäbe es auch, doch ich entscheide mich für Schweinefleisch und Kartoffeln, eine gute Wahl wird sich zeigen, werde ich von einer Gruppe chinesischer Männer im besten Alter – was bedeutet, nur wenig jünger als ich - angesprochen und zum Trinken eingeladen. So mutig waren chinesische Männer noch nie, ob nüchtern oder besoffen, vor allem, wenn sie kein Englisch sprachen. Doch diesmal habe ich etwas Probleme, die feuchtfröhliche Gesellschaft los zu werden ohne sie zu beleidigen, einzig eine Flucht ins Hotel bleibt mir übrig.

Menglun. Eine kleine Stadt an einem Zufluss des Mekong, der Luosuo heisst und fuchsbraun träge durch saftiges Grün mäandriert. Bekannt ist Menglun wegen seinem botanischen Garten, dem grössten von China, lese ich. Den Garten besuche ich am Nachmittag, bzw. einen Teil davon, denn er ist riesig. Heute habe ich lediglich den Urwaldteil besucht. Ein ursprüngliches Waldstück rings um ein System von Gräben, durch das gepflegte Wege führen. Wirklich ein sehr schönes Erlebnis, echten Urwald trifft man ja kaum mehr an und wenn, dann ist der Zugang meistens sehr beschwerlich. Hier im Botanischen Garten gibt es auch ein Herbarium, eine Genbank und Forschungsinstitute und ganze Dörfer mit Wohnungen für Forscher und Pfleger des Gartens. 800 Forschungsarbeiten sollen bereits in dem Garten entstanden sein und 55 Publikationen geschrieben. - Wenn ich mich noch in tropischer Botanik betätigen möchte, dann wäre dies sicherlich ein denkbarer Ort.


Ganglanban 15. Oktober 2009

Der freundliche Hausmann meint mit einem strahlenden Lächeln, ja, das sei so, das sei jeden Tag so, nachdem ich mich darüber beklage, dass letzte Nacht statt Grillenzirpen bis ein Uhr morgens Musik laut durch das Quartier gedröhnt habe. Ich glaubte mich in der Wildnis und nebenan übten die Frauen offensichtlich weitere Tänze ein. Zwei Gruppen gleichzeitig, etwa 20 Meter voneinander entfernt, so dass ich in den Genuss von gemischter lauter chinesischer Opernmusik kam. Katzenmusik würde ich das nennen. Hier auf dem Land stört mich das stärker, denn ich weiss, wie es sein könnte. - Doch an den Stränden in Sansibar ist es dasselbe. Statt das Rauschen der Wellen hört man vielerorts an der Küste nur dass Donnern der Bassschläge aus Discotheken. Die Welt hat ihre Unschuld verloren. Und ich bin immer noch nicht ganz sicher, ob der Mann mein mühsam zusammengeklaubtes Chinesisch wirklich verstanden hat. Ich beklage mich und er strahlt mich lächelnd an und meint schliesslich, doch er könne schlafen.
Mich ärgert das, eigentlich wäre ich gerne eine weitere Nacht hier geblieben, das Haus gehört zu den wenigen, die noch nicht Glasscheiben eingesetzt haben. Die chinesische Regierung scheint die luftigen Holzhäuser der Dai als rückständig einzustufen. Und hilft deshalb, die Schindeldächer durch blaues Aluminium oder glasierte Ziegel zu ersetzen. In einem weiteren Schritt wird dann auch die Holzkonstruktion durch Stein ersetzt, die Fassaden werden schliesslich bunt bemalt und einzig die Bauweise auf Stelzen erinnert noch etwas an ein Dai-Holzhaus. Und dies alles mitten in einem Minoritäten-Themenpark, der das kulturelle Erbe präsentieren soll. Selbst hier, wo die Kultur der Dai gezeigt werden soll, absolut kein Respekt vor dem Alten. Man ist überzeugt, dass das Neue besser ist. - Ganz offensichtlich die Dai-Leute ebenfalls. Die scheinen recht viel Geld dafür gekriegt zu haben, als eine Art Zootiere oder Statisten in dem Themenpark zu leben. Viele sind nun statt Bauern, Guesthouse- und Restaurantbesitzer. Oder verkaufen Souvenirs. Oder machen mit an diesen Ethnospektakeln. Fast unter jedem der auf Stelzen stehenden Häuser, wo – wie ich lese - eigentlich die Tiere hausen, steht nun eine schwarze neue Limousine oder mindestens ein Motorrad. Und alle Wege im Park sind betoniert.


Ganglanban 14. Oktober 2009

Die Chefin vom Meimei Kaffee - sie ist nur am Abend dort, spricht sehr gut Englisch und kennt alles, was ein ausländischer Tourist braucht - hat mich gestern aufgeklärt. Doch, die Stadt sei reich, die Gummiplantagen rings herum, der Pu’er-Tee, ein Gebräu, das ich gänzlich ungeniessbar finde, soll aber sehr gesund sein, ist gefragt und teuer, also dieser Tee auch und Zuckerrohr, dann die Lage grenznah. Und ja, das sei schon so, ganz anders als eine chinesische Stadt sei Jinhong. Sie selber komme aus Dali, doch hier sei das Leben viel lockerer, Tropen eben.
Was hier vor allem auffällt ist die ausgesprochene Freundlichkeit der Leute. Auch heute, am Busbahnhof, kommt eine Frau einfach mit mir hinein, sucht den richtigen Bus und bringt mich zu meinem Platz, denn hier in China sind Busbillette immer nummeriert. Und wenn es keinen freien Sitz mehr hat, dann gibt es kein Ticket mehr. Problematischer ist das allerdings, wenn man nicht am Startort des Busses einsteigen möchte, Sitzplätze sind dann extrem rar.

Dem Mekong entlang schlängelt sich die Strasse in vielen Windungen durch die hügelige, tropisch grün wuchernde Gegend. Der Fluss ist zwischen Abhänge eingequetscht und wirkt schmaler, die Ufer sind von Felsplatten gesäumt, grosse Felsbrocken ragen häufig auch mitten aus dem Fluss auf, so ganz einfach erscheint mir eine Schifffahrt nicht. Auch die Strasse ist holperig, schmal und voller Löcher, wir sind ganz eindeutig am Rande des chinesischen Reiches angelangt.

Meine Busfahrt endet in Ganlanba oder Menghan - häufig haben Ortschaften hier zwei Namen – ich will den Minoritäten-Park besuchen gehen. Übernachten könne man auch gleich dort, heisst es im Führer und bereits hat mich ein Taxichauffeur zu einem Dai-Haus gebracht, einem der wenigen, noch einigermassen originalen, die Wände sind aus Bambus dicht geflochten, die Fenster ein lockeres Geflecht. Sehr einfach, Matratzen auf dem Boden, doch sauber. Auf der ganzen Holzplattform, Dai-Häuser stehen auf Stelzen, läuft man barfuss herum. Friedlich sieht das ganze aus. Niemand spricht Englisch. Trotzdem habe ich eben gut gespiesen, habe auf grüne Sprosse gezeigt, der Mann auf Eier, schliesslich gab es ein spinatartiges Gemüse, Ei mit Tomaten und Reis. Auffällig ist hier, das der Hausherr kocht und abwäscht und putzt und der Sohn mir serviert. Die Frau habe ich nur kurz beim Bezug des Zimmers getroffen. Auch da hat sie nicht in die Handlung eingegriffen.

Dann ein erster Rundgang durch den grossen Park, eigentlich ist es eher ein Landstrich mit drei ursprünglichen kleinen Dai-Dörfern plus neu dazwischen hingekleckerten Touristenattraktionen nach chinesischem Geschmack. Eine Betonarena, in der am Nachmittag kitschige Tanzshows mit hunderten von schön gekleideten Dai-Frauen in engen, knöchellangen, seidig-glänzenden Kostümen – was die Dai-Frauen effektiv selbst für die Feldarbeit tragen – gezeigt werden. Ich kann mir ehrlich gesagt keine unbequemere Kleidung hier in den Tropen vorstellen. Gegenüber ein riesiger flacher Teich mit kitschiger Figur in der Mitte, in dem täglich das Wasserfest von Jinhong nachgespielt wird. So komme ich auch noch in den Genuss solch eines Spektakels, der normalerweise im Frühling stattfindet. Hier also täglich. Die jungen schönen Frauen, auch einige glänzendseidig gekleidet Männer hat es dabei, stehen mit Plastikbecken im Wasser und spritzen sich so fies wie möglich voll bis alle klitschnass sind. Die chinesischen Touristen werden rechtzeitig vor dem Start dorthin gekarrt, können sich noch gerade etwas zu trinken oder zu essen bestellen oder ein Kostüm mieten, denn wer will, der kann auch gleich mitmachen. Ganz nach dem Motto, Karaoke macht Spass. Zu den bereits bezahlten 100 Yuan Eintritt in das Gelände, kann man sich für 30 Yuan auch noch einen Tribünenplatz leisten, was sehr viele Touristen willig bezahlen, und dann geht es los. Es wird geknipst und gelacht und die Touristenwasserfestler fallen dadurch auf, dass sie innert kürzester Zeit mit den Händen vor den Augen stehen bleiben und kampfunfähig sind. Alle haben offensichtlich Spass und danach wird noch bezahlt für Fotos auf einem Elefanten, zwischen zwei Pfauen auf einem Bänklein oder für ganz mutige auch zusammen mit einer Riesenschlage. Davon wird kräftig profitiert, bis die, auch nach Dai-Art gekleideten Reiseleiterinnen zum Aufbruch mahnen, die offenen Elektrobusse stehen schon bereit und sind rasch gefüllt, Chinesen sind sehr disziplinierte Touristen. Und bereits sind auch die Tische wieder abgeräumt und die Stühle zusammengestellt, selbst das Personal zeigt Tempo. Die Elektrobusse werden noch irgendwo an einem kitschig nachgebauten Buddistischen Tempel anhalten, wo nochmals Gelegenheit sein wird, Souvenirs einzukaufen – leider überall in der Provinz Yunnan ungefähr der gleiche Mix von Sachen, so dass ich bis heute nicht genau weiss, was nun Naxi, Bai, Yi, Dai oder sonst was ist. Gegen fünf Uhr abends verlassen dann fast alle Touristengruppen den Park, nur ganz wenige verbringen mehr als einen Tag dort und endlich wird es wieder ruhig, fast normal, stelle ich fest, als ich in der Abenddämmerung durch die Gegend spaziere und den Leuten in den Dörfern zuschaue, die so leben, wie sie dies fast überall in den Tropen tun, aufleben eben, sobald die Kühle des Abends kommt, und sich in den Strassen treffen.
Am Mittag, bevor die grosse Touristenflut angeschwemmt wurde, bin ich zu einem Dai-Haus gegangen, wo sich viele Leute unter der Holzplattform zusammenfanden und assen. Ich nahm an, das sei ein Restaurant. Und wurde eingeladen abzusitzen, kriegte einen Beutel Klebreis und eine Schale und Stäbchen, es wurde mir gedeutet, zuzugreifen. Etwas merkwürdig fand ich schon, dass alle aus denselben Schälchen assen, doch ich sagte mir, ich nehme dann eine Tablette mehr, ich habe sowieso wieder Durchfall, in China müsste man wahrscheinlich vorsichtiger sein. Ich war sehr froh, dass auf der Mitte des Tisches sehr viele verschiedene Speisen standen, so konnte ich mich gut an Pflanzliches halten. Schon bald kriegte ich ein Gläschen starken Schnaps offeriert. Irgendeinmal bemerkte ich, dass ein Schweinekopf herumlag, an dem sich später einer der Männer zu schaffen machen sollte. Und schnitt und zerlegte und schliesslich eine Schüssel in den Kühlschrank stellte mit Fleischstücken und obenauf etwas, das aussah, wie die Gummimaske eines Schweinekopfes, Ohren und Schnauze, alles noch zusammenhängend, sicherlich eine Spezialität. Schliesslich stehe ich auf und will bezahlen. Nichts dem, meint man, ganz offensichtlich war das kein Restaurant, sondern ein Festessen, zu dem ich einfach so gekommen bin.

So habe ich heute das Glück gehabt, China gleich doppelt zu erleben. Einerseits die freundlichen einfachen Dai-Leute, die hier wohnen und andererseits eine weitere Episode aus dem Leben chinesischer Touristen.

Dienstag, 13. Oktober 2009





Jinhong 12. Oktober 2009

Manches ist wohl nicht Ostafrika oder China, sondern schlichtwegs einfach Tropen, Süden. Auch hier in Jinhong hat zwar nicht die Sauberkeit, jedoch die Perfektion in den Baderäumen nachgelassen. Das Wasser spritzt irgendwo aus der Dusche und man ist dankbar, wenn genügend Wasser in die Richtung spritzt, wo man es gebrauchen kann. Das Lavabo ist auch nicht richtig angschlossen, wenn ich die Hände wasche, dann tropft das Wasser auf die Füsse. Doch in dem tropischen Klima ist das alles egal. Während ich nun fast drei Wochen lang sehr genau überlegt habe, wann ich überhaupt mit Wasser in Kontakt kommen wollte – am Morgen war das solar gewärmte Wasser eiskalt, denn Speicher fehlen ganz offensichtlich, nur gerade nach einem sonnigen Tag konnte man von einer warmen Dusche sprechen – stehe ich hier bereits vor dem Mittag zum zweiten mal unter der Dusche und zu allem Überfluss ist das Wasser hier bereits am Morgen schon heiss. Mit richtiger Lust habe ich gestern deshalb als erstes eine Handwaschorgie im Badezimmer veranstaltet und anschliessend die Wäsche an einem Seil quer durch den Raum gespannt.

Nicht nur die sanitären Installationen sind hier von tropischem Typ. Auch sonst scheint man weit weg von Peking zu sein. Erstmals verlangt man im Hotel keine Passregistrierung, etwas das sonst in China peinlichst befolgt wird. Beziehungsweise lässt mich die Frau vom Hotel von letzter Nacht etwas mit Bleistift auf ein Formular eintragen, das sie vorher gerade mit dem Radiergummi ausgelöst hat. Da ist mir die Frau heute schon lieber, die überhaupt keinen Pass will. Ich habe das Hotel gewechselt, weil die Frau auch mir gegenüber unehrlich war – was mich nicht sehr erstaunte. 50 Yuan koste das Zimmer und 50 das Schlüsseldepot, etwas, das hier allgemein eingezogen wird. Heute dann will sie 100 für das Zimmer, von Schlüsseldepot keine Rede mehr. Ich ziehe sofort und samt Schlüssel um in ein weiteres Hotel, eher besser, ebenfalls für 50 Yuan, also etwas 9 Franken. Und hoffe, dass hier nicht wie im anderen Hinterhof, die ganze Nacht über gehämmert und gearbeitet wird. Jinhong ist ganz bestimmt keine ruhige Stadt, auch der Verkehrt fliesst bis nach Mitternacht, etwas, das in chinesischen Städten eher selten ist.

Im MeiMei Kaffee tröste ich mich dann mit einem Swiss Breakfast, zu teuer natürlich, dafür gut und genau gleich wie in der Schweiz. Das ist übrigens auch speziell in China. Wenn in einem Restaurant „Chinese und Western Food“ angeboten wird, dann gibt es meistens sowohl gutes chinesisches wie auch europäisches Essen. Nicht wie in Amerika oder Afrika, wo das zwar so heisst, aber im allgemeinen überhaupt nichts mit unseren Speisen zu tun hat. Hier ist unser Essen praktisch genau gleich wie zu Hause, ganz im Gegenteil habe ich kürzlich einem Koch das Kompliment gemacht, das sei der beste Hamburger, den ich je gegessen habe. Und das war keine Schmeichelei. Die haben all die notwendigen Zutaten original, eine Frau erklärte mir, richtigen Espresso oder Cappuccino, das könne man nur mit italienischem Kaffe machen, da gehe der einheimische Yunnankaffee nicht. Das kostet dann auch das Doppelte – jedoch immer noch viel weniger, als es in Europa kosten würde. Wie dabei der Transport bezahlt wird ist mir schleierhaft.
Beim Essen ist es also wie in allem hier in China: Die Kopien sind ganz erstaunlich gut. Weshalb ich mir ab und zu ein westliches Frühstück genehmige.

Zurück zum MeiMei Kaffe. Das habe ich auch aus meinem Führer. Die beiden Frauen, die es leiten, sprechen zwar dürftig Englisch, dafür sind sie derartig freundlich, mehr kann man wirklich nicht erwarten. Als ich mich dort beklagen gehe, die Frau im Hotel sei nicht ehrlich, da bringt mich das Mädchen sofort zum nächsten Hotel, das einen ebenso guten Preis hat und erst noch viel freundlicheres Personal. Ein Lob also dem MeiMei Kaffee in Jinhong. In diesem Kaffee hat es übrigens auch eine Bibliothek mit sehr vielen Reiseführern. Den „Lonely Planet“, leider von 1998, das ist in China hoffnungslos veraltet, und den „Rough Guide“ vom letzten Jahr. Und so stelle ich fest, dass offensichtlich der „Stefan Lose“ mehr oder weniger eine deutsche Übersetzung des „Rough Guide“ ist, selbst die Karten sind dieselben. Was für ein billiges Plagiat!

In Jinhong ist manches etwas anders als im bisherigen China. Ich treffe hier viele westliche Männer mit chinesischer Begleitung. Wohl der Einfluss vom nicht weit entfernten Thailand? Und im von Westlern extrem besuchten Meimei Kaffe, da hat es auch auffällig viele hübsche junge Chinesinnen. Mehr sage ich nicht dazu.

Heute habe ich einen grossen Teil des Tages im Botanischen Garten verbracht. Der hat zwar nichts mit einem botanischen Garten, wie wir uns das gewohnt sind, zu tun, ist jedoch eine riesige wunderschöne Gartenanlage. Mit Gewässern natürlich, das gehört in China zu jedem Park, aber auch mit einer Ecke mit tropischen Fruchtbäumen. Da hat es nicht nur einen einzelnen Mangobaum, nein gerade hunderte und das geht mit allem so. Und eine Gummibaumplantage – obwohl es das in der Gegend zur Genüge gibt. Das meiste ist nicht angeschrieben, man muss ja nicht immer wissen habe ich erst kürzlich gesagt, obwohl es mich hier doch recht interessiert hätte. Gestaltete Natur, wäre eine Bezeichnung für den Park. Alles sieht natürlich aus, ist es aber nicht im Geringsten, viele Bäume bonsaiartig zurechtgestutzt, ich übe mich beim Zeichen an einem IlangIlangbaum, der kunstvoll über einen Felsen gezwungen wurde. Beeindruckend ist auch die Ruhe, dass Singen der Vögel, das zirpen der Zikaden, sobald man zu den Parkmauern hereingekommen ist. Plötzlich ist der ganze Lärm der Stadt weg. Und unheimlich farbenprächtige Schmetterlinge flattern herum und chinesische Touristen hat es endlich nur noch wenige, die sich in der Gartenanlage verlieren.



Dali, 11. Oktober 2009

Sonntagmorgen. Dali verabschiedet sich mit strahlendem Sonnenschein, doch auch heute wollen sich die Gipfel des benachbarten Cang-Shan-Gebirges nicht enthüllen, weshalb ich sie in ihrer mysteriösen, wolkenumhängten Schönheit zu skizzieren versuche. Ein Spaziergang führt mich ein letztes Mal durch die Stadt. Ich entdecke einen sehr schönen öffentlichen Park gleich um die Ecke. Hinter hohen Mauern ist er verborgen, weshalb ich glaubte, dass dies eine weitere gebührenpflichtige Sehenswürdigkeit sei. Der Park ist zwar klein, aber sehr gut gemacht, kein alter Park, viele intime Ecken, in denen man verweilen kann. In einem dieser Winkel treffe ich die Vogelfreunde, eine merkwürdige Spezies auch in China. Alle sind sie mit ein bis mehreren Vogelkäfigen gekommen, die beim Transport mit einem Tuch verhüllt werden, und haben nun diese in Bäume und Büsche aufgehängt. Braune amselgrosse Vögel sitzen darin mit weissem Augenring, sonst sind sie unspektakulär. Die Männer wiederum, ich entdecke auch eine Frau, haben sich sorgfältig gekleidet und lauschen nun andächtig dem Gesang ihrer Vögel. Später entdecke ich auch eine Art Doppelkäfig. Auf jeder Seite des Gitters wird ein Vogel hinein gelassen. Ich denke erst, es gehe wohl darum, die sozialen Kontakte der Tiere etwas zu fördern, Männlein und Weiblein dürften sich zwischendurch nahe sein, das hebe sicherlich die Singfreudigkeit. Und entdecke dann später, dass alles Männlein und Rivalen sind, wütend fliegen manche Vögel ans Gitter und würden sich ohne dieses wohl gleich zerfetzen. Doch wenn sie sich etwas beruhigt haben, fangen sie zu singen an, ein Wettkampf beginnt. Würdig beobachtet von den ernsthaft dreinblickenden Besitzern.

Ich wähle Reisnudelsuppe zum Frühstück. Reisnudeln haben die Eigenart etwas zu kleben, was das Verspeisen enorm vereinfacht. Doch auch so besteht ein Risiko von Spritzern, die Flüssigkeit ist rot gefärbt vom Chili. Weil ich bereits eine neue Bluse angezogen habe für den bevorstehenden Flug nach Jinhong stresst mich nun meine Frühstückswahl etwas. Ich hätte besser warme gedämpfte, etwas fade Brötchen gewählt. Oder in Fett frittierte Teigwürstchen, nicht süss, mit warmer Sojamilch, durchaus eine gute Frühstücksvariante.

Jinhong. Die subtropische Stadt am Mekong, nach knapp 50 Minuten Flugzeit. Hinter den sieben Bergen, denke ich. Doch weit gefehlt. Auch Jinhong hat einen neuen Flughafen und die Stadt selbst ist wohl gerade daran, sich neu zu definieren. Gebaut wird wie verrückt, das Terrain entlang dem Mekong – die Stadt stiess bisher nicht ganz ans Wasser – wurde durch einen Damm geschützt, ein Park am Ufer ist in Entstehung und dahinter riesige Baufelder. Hochhäuser nach chinesischem Stil. Kitschig für mich, doch hier gefällt das. Ich selber wünsche mir da den Retrostil von Dali zurück, mit menschlicheren Dimensionen. Auch nicht ideal, doch so stark an die alte Architektur angelehnt, dass nicht allzu viel schief gehen kann. Hier eine Mischung zwischen Buddhistischen Tempeln, kitschig-bunt bereits die, und Hochhäusern. An den neuen Gebäuden haben selbst Drachenfiguren ihren Platz und nutzlose kleine gebogene Dächer als Dekoration. Und die Fassaden sind bunt. Beliebt ist momentan Zitronengelb, nebst einem furchtbaren Blassorange, einem Pistachegrün oder Rosa. Fensterrahmen wenn möglich noch in einer weiteren Farbe. Ich persönlich wünsche mir da ob so vielem Gestaltungswillen ganz heimlich die kommunistische Eintönigkeit zurück. Weiss oder Grau, keine Extravaganzen, auch von der Gestaltung her.
Mit einem Wort: Jinhong ist eine hässliche Stadt, lärmig ebenfalls, viel Verkehr, doch zum Glück nicht allzu gross, das Zentrum ist recht rasch durchschritten. Und das tropische Grün, all die Alleebäume, häufig sind es auch Palmen, mildert das ganze auf ein erträgliches Mass herab.

Eigentlich wusste ich es: Nach zwei sehr geglückten Destinationen, Shaxi und Dali, mit tollen Hotels und Restaurants auch, da musste wieder einmal etwas Ernüchterndes kommen. Eine echt chinesische Stadt eben. - Und doch auch wieder nicht, die Tropen sind hier fühlbar, Männer die in den Parks herumliegen, das erinnert mich stark an Sansibar. Und am Abend, als ich durch eine hell erleuchtete Einkaufstrasse mit teuren Schuh- und Kleiderläden gehe, da bin ich doch wieder erstaunt. Reich scheinen die Bewohner zu sein. Ein Gefühl, das ich in den meisten chinesischen Städten habe. In China gibt es auch keine Slums, ich habe noch nirgendwo einen Armengürtel rings um die Städte gesehen.

Jinhong hat durchaus auch positive Seiten. Ich bemerke erfreut, dass ich jedes Mal, wenn ich in ein Lokal hinein gehe, erst ein kühles Glas Wasser mit einem Limettenschnitz kriege. Noch bevor ich etwas bestelle. Eine schöne Geste. Und die Kellnerin in dem Lokal aus meinem Führer, das ich in Ermangelung eines Hotels, das mir gefallen hätte, erst einmal anlaufe und frage, ob ich den Koffer dort deponieren könne, die reicht mir eine Kopie eines Stadtplanes und dann führt sie mich auch noch zu den Hotels. Alleine hätte ich das kaum gefunden, so vieles hat sich bereits geändert, seit dem Druck meines Führers. Ich wohne nun in einem sehr chinesischen, einfachen Hotel, Sicht auf einen belebten Innenhof, ohne Charme, dafür enorm billig und sauber, sogar mit Arbeitstisch, in China eine Rarität. Und nachdem ich die Glanzidee gehabt habe, eine stärkere Glühbirne zu kaufen, sogar mit durchaus passablem Leselicht, normalerweise einer Schwachstelle in hiesigen Hotels. Allerdings heizt die gekaufte Glühbirne enorm auf, was mich etwas ängstigt, doch auch das Netzstück meines Labtops wird in China feuerheiss. Nicht genau die richtige Stromspannung, meinte Mr.Paterson. Deshalb weniger wirksam und mehr Verluste in Form von Wärme.




Dali, 10. Oktober 2009

Endlich habe ich mich für einen Weg entschieden. War das ein Kampf und ein Unwohlsein. Gestern habe ich mich hinter den Reiseführer geklemmt, um zu planen wie meine Reise weitergehen soll, denn es wird mir bewusst, dass nur noch drei Wochen bleiben, es muss ausgewählt werden, da wäre noch so vieles, das ich gerne gesehen hätte. Ich habe nun - Schande über mich – zunächst eine bequeme Variante ausgewählt. Eigentlich wollte ich mit dem Bus über die Gebirge vom Tal des Yangtse in das Tal des Mekong hinüberreisen. Allerdings wird dies als recht beschwerliche Busfahrt von 2 bis 5 Tagen beschrieben. Durch sehr malerisches und unberührtes Gebiet. Hier in Dali Gucheng, der Altstadt, hätte ich nur einen Luxusbus buchen können, der in 18 Stunden über Nacht dort hinunter gefahren wäre. Da hätte ich aber nichts von der Landschaft gesehen, das machte keinen Sinn. Nun habe ich ein Flugticket gekauft, Sonntag Mittag fliege ich erstmals chinesisch und am Nachmittag bin ich bereits im subtropischem Klima 500km weiter südlich.
Auch bei diesem Entscheid kommt mir Laotse in den Sinn. So viele Wege sind immer offen. Und alle können richtig oder falsch sein, das kommt wohl immer auf einen selber an. Was nützt es, sich den Kopf zu zerbrechen und die beste Variante ausfindig zu machen? Es gibt keine beste Variante. Und mein Blickwinkel ist sowieso hauptsächlich derjenige von Stefan Loose, Reisebuchherausgeber aus Berlin. Seine Tipps fand ich nicht immer genial, oft fand ich zufällig viel besseres. Und würde eigentlich allen Asienreisenden empfehlen, den „Lonely Planet Guide“ zu wählen. Der ist zwar grafisch weniger schön gestaltet (was schlussendlich bei mir den Ausschlag gab, anderes konnte ich ja beim Kauf nicht überprüfen), aber ungleich viel nützlicher ist. Allerdings in Englisch.

Zögern ist eine Plage beim Reisen. Verlieren ebenfalls. Ein Laster, das ich einfach nicht los werde. Als erstes, bereits nach einer Woche, liess ich mein schönes, aus einem indischen Reissack selber gemachtes Labtoptäschchen im Restaurant liegen. Es war später nicht mehr dort. Als zweites liess ich beide Ladegeräte, ich habe mein normales Telefon und ein Telefon mit einer chinesischen Nummer, in den Steckdosen auf dem Schiff durch den 3-Schluchtenstausee stecken. Das merkte ich erst bei Bedarf in Chonqing. Ich finde es übrigens sehr empfehlenswert, hier ein Telefon mit einer chinesischen Nummer zu haben. Man kann einfach selber Hotels reservieren und die verlangen oft auch eine Nummer, weil wohl viele Leute nur buchen, dann aber gar nicht kommen. Auch beim Geld wechseln auf den Banken ist diese Nummer hilfreich, man muss dann nicht immer den Namen des Guesthouses kennen, in dem man gerade logiert. Dies führt mich zu einer Beobachtung, die ich hier täglich mache. Wenn irgendetwas auf dieser Welt wirklich international sein sollte, dann sind es die Klingeltöne der Natels. Den Standart-Nokia-Ton, den ich über Jahre verwendet habe, den höre ich hier überall. Ganz offensichtlich ist es den Chinesen – abgesehen von den Jugendlichen – genauso wenig wichtig wie mir, da Originalität zu zeigen.
Zum jüngsten Verlust schliesslich. Gestern habe ich meine Schirmmütze, die mich jahrelang begleitet hat, auf einem Spaziergang liegen gelassen, als ich sie auszog um mich des Pullovers zu entledigen. Eigentlich hätte ich noch ziemlich genau gewusst wo, ein paar hundert Meter weiter oben im Wald. Fand es dann aber doch nicht wert, zurückzukehren, schliesslich habe ich vor zwei Wochen einen chinesischen Hut gekauft. Auch soll man nicht an materiellen Dingen hängen, dies lernt mich ebenfalls Laotse. Und wenn ich so weiter mache und weiser und weiser werde, dann komme ich vielleicht vollkommen ohne Ballast zurück in die Schweiz.

Heute sehe ich erstmals Schulkinder in Uniformen. Die Älteren tragen einen blauen Anzug, vom Schnitt her etwas zwischen Uniform und Matrosenanzug. Die Kleinen eine Art Traineranzug, entweder rot und weiss oder grün und weiss. Samstag scheint mir ein komischer Tag für den Schulbeginn.

Ich besuche das Museum im Zentrum der Altstadt. Die Wächter sitzen halb schlafend an ihren Pulten, ich bin die einzige Besucherin, das Licht in den Vitrinen wird nicht angezündet. Der Eintritt kostet auch nur 5 Yuan, also 90 Rappen. Die echt alten, teilweise zerbrochenen Sachen hier interessieren offensichtlich kein Schwein. Während die vielen kürzlich erst nachgebauten kitschigen Tempelanlagen tausende von Besuchern anziehen, da bezahlen Chinesen gerne ein Vielfaches dafür, Busladungen voller Leute werden dorthin gekarrt. Im Museum hat es alte Keramikfigürchen aus der Ming Zeit, witzige Tierfiguren zum Teil, und natürlich Reiter mit wilden Rössern. Im Garten rund um das Museum, der übrigens sehr schön gestaltet ist, stehen alte Steintafeln mit Schriften darauf, ich vermute, dass es sich um Grabtafeln handelt, leider ist das meiste nur Chinesisch angeschrieben. Was auch seinen Vorteil hat. Wie häufig wird meine Aufmerksamkeit abgelenkt durch dieses ewige Lesen! Einfach nur schauen und bewundern ohne wissen zu müssen. Ich geniesse das. Im weiteren wird im Museum eine Fotoausstellung gezeigt mit grossen schwarz-weiss Portraits von alten Leuten. Viele interessante Gesichter, eine gute zeitgenössische Fotoarbeit. Interessant finde ich vor allem auch den Raum mit den Bai-Batiken. Seit längerem sind mir diese Stoffe aufgefallen. Meist sind sie blau, mit fein eingearbeiteten Mustern, die – wie ich jetzt lerne - durch das Abbinden von zum Teil winzigen Zipfelchen entstehen. Meisterhaft gearbeitete Stoffe – auch wenn sie nicht ganz meinem Geschmack entsprechen. Auf den Fotos im selben Raum stelle ich endlich fest, welches nun wirklich die Bai-Trachten sind, denn es gibt hier so viele verschiedene Ethnien. Die Bai-Frauen tragen mehrere, hintereinander gelagerte hohe, kronenartig aufgesetzte, dicht bestickte breite Bänder auf dem Kopf. - Obwohl ich denke, dass dies nur gerade die Festtracht ist, ich habe die Frauen im Dorf meist mit viel einfacheren, turbanartigen Gebilden auf dem Kopf gesehen. Diese aufwändigen Kopfbedeckungen sieht man heute eigentlich nur noch beim Personal von gehobenen chinesischen Hotels. Oder bei den Angestellten eines Supermarktes. Oder bei den Hostessen, die die Luxusbusse begleiten und am Anfang einer mehrstündigen Fahrt die Billets kontrollieren und ein Fläschchen Wasser verteilen. Was sie im Weiteren zu tun haben, ist mir nicht klar.

Hier in Dali hat es auffällig viele Studios, die Massagen anbieten, Füsse, Körper, Kopf, auch Thaimassagen und viele Ort preisen sich als medizinisch wirksam an. Alles hier auch in englischer Schrift angeschrieben und gut doppelt so teuer, wie ich mir das gewohnt bin. In meiner Strasse sehe ich mehrere Kosmetikinstitute, die nicht mit unseren Buchstaben angeschrieben sind. Ich habe Lust, mich verwöhnen zu lassen und dieses Erlebnis auszutesten. Auf eine Liege werde ich gebettet, warm zugedeckt und während einer Stunde werden mir nicht nur verschiedenste Salben, Packungen und Wässerchen aufgetragen, nein auch das Gesicht, die Kopfhaut, der Nacken und schliesslich Arme und Rücken massiert, so dass ich den Salon nach einer guten Stunde völlig entspannt und natürlich viel schöner verlasse. Das ganze hat fast nichts gekostet, wenn ich die verschiedenen teuren Cremen noch davon abziehe, wurde aber eben auch nur auf chinesisch angeboten, die Frau sprach kein Wort Englisch. Was mich überhaupt nicht gestört hat, im Gegenteil. Während der ganzen Behandlung sprach sie mit ihrer Kollegin, die gerade nichts zu tun hatte und der Fernseher lief. Da war ich recht froh, dass die Gespräche nur eine Geräuschkulisse für mich bildeten.
In derselben Strasse habe ich auch erstmals in China Prostituierte angetroffen. Das läuft recht diskret: In kleinen Räumen im Parterre, die Türen sind nur halb geöffnet, sitzen auf Sofas junge Frauen vor einem Fernseher. Das Licht im Raum ist düsterrosa. Auffällig ist das ganze nicht, auch die Freier sind kaum bemerkbar.
Aber vielleicht stimmt ja auch, was mir die hysterische Amerikanerin in Lijiang anvertraut hat. Sie denke, bei chinesischen Männern, da laufe nichts in Sachen Sex. Da habe sie doch in Peking eine rund vierzigjährige Frau angetroffen, die ihr erzählt habe, ihr Mann habe seit einem Jahr nicht mehr mit ihr geschlafen. Das solle man sich einmal vorstellen! Und überhaupt spüre man das, in Italien oder Ägypten oder sonst wo auf der Welt, da würde man von den Männern beachtet, da passiere etwas. Doch hier, da habe sie noch nicht das Geringste verspürt. Und gleichzeitig beklagt sich die Amerikanerin darüber, dass es hier in den Hotelzimmern gratis Kondome hat, sowas habe sie noch nirgends auf der Welt gesehen. Was für eine Heuchlerin!

Zum Abschluss noch etwas Poesie der chinesischen Sprache: Diàn ying besteht aus zwei chinesischen Schriftzeichen. Wobei diàn elektrisch bedeutet und ying Wolke. „Elektrische Wolke“, ist die Bezeichnung für Film. Sprache hat eben schon sehr viel mit der Art des Denkens zu tun.

Montag, 12. Oktober 2009







Dali, 8. Oktober 2009

Die Stadt Dali ist keine perfekte Schönheit, eine mit Ecken und Kanten. Innerhalb der Stadtmauern, die eine riesige Fläche umfassen, gibt es wohl noch einige alte Gebäude, doch auch recht viele lieblose, aber nicht allzu grosse Wohnhäuser aus kommunistischer Zeit. Im Zentrum ein Kreuz von Strassen, die touristisch aufgemotzt worden sind, aufgewertet, würde das wohl heissen, neue Häuser im alten Stil ersetzen das Charakterlose, Läden und Reisebüros und Restaurants sind hier eingezogen, Hotels und Gasthäuser. Doch dies ist erst eine kleine Ecke, die sich aber wie ein Krebsgeschwür auszudehnen droht. Momentan lebt Dali noch, ist kein Ethnokitsch-Freilichtspektakel wie Lijiang. Sobald man aus diesem Zentrum heraus ist, beginnt das normale Leben, Handwerker haben sich angesiedelt, Garküchen immer, viele, aber sehr einfache, und Läden mit Werkzeug, mit Baumaterial oder mit Haushaltsgegenständen. In einer Strasse weit draussen werden gerahmte polierte Marmorplatten verkauft, eine Kunstform, die mir für China ganz eigen scheint. Auf diesen Steinstücken bildet die Maserung etwas wie eine Landschaft ab. Abstrakte Muster eigentlich, vom Zufall bestimmt, doch es ist wahr, man sieht sofort mehr darin, die wunderlichsten Bilder treten hervor.
Auch in Dali wird überall kräftig gegraben und gebaut, ganze Strassenzüge werden umgekrempelt, Leitungen verlegt, ich sehe nebst Abwasserleitungen auch mehrere dicke Kabelrohre für Glasfaserleitungen, und am Schluss wird das ganze dann auf alt gepflästert. Bäche werden freigelegt, weit schöner als beispielsweise in der Altstadt von Bern. Sie fliessen offen am Rand der Strassen von von mit Steinquadern gefassten Mauern begrenzt, Dali liegt an einem flach geneigten Hang, das Wasser sprudelt dem See zu und wird dabei von vielen grossen, schön geformten und überhaupt nicht zufällig in das Bachbett gelegten Steinen geleitet. Daneben ein gepflasterter Fussweg, junge Trauerweiden wurden eingepflanzt.

China macht ganz gewaltige Anstrengungen in Sachen Verschönerungsaktionen. Vor allem hier in der Provinz Yunnan. Chinesen vom ganzen Land kommen, um ihre Sehnsucht nach Ursprünglichem zu stillen. Einzig hier, in der lange Zeit sehr abgelegenen Gegend mit vielen Minoritäten, Naxi, Bai und Yi, die Berge erschwerten den Zutritt, hat sich noch Altes erhalten können. Im übrigen China wurde während der Kulturrevolution Historisches zerstört als Zeuge einer bourgeoisen Zeit, die vorüber sei und vergessen werden solle. Alle Verschönerung galt als reaktionär. Die langweiligen Einheitsbauten - für alle dasselbe - wurden im grossen Stil aufgestellt und verdrängten in vielen Landesteilen die historischen Gebäude, deren Wert man nicht sah. – Doch nun scheint alles anders. China hat seine Geschichte wieder entdeckt und ist stolz darauf. Und hat offensichtlich einen riesigen Nachholbedarf. Zerstörtes wird munter wieder genau gleich aufgebaut, allerdings nicht immer mit den ursprünglichen Baumethoden, Theaterkulissen werden es dann, was mir nicht immer sehr geglückt erscheint. Ganz besonders in Yunnan, der Vorzeigeprovinz Chinas. Immerhin sehe ich in Dali doch erstmals Versuche, die alten Architekturstile neu zu interpretieren, mit modernen Gestaltungselementen zu vermischen. Nicht alles gefällt mir, doch der Ansatz ist spannend.

Auch ich wohne hier in einem nachgebauten Bai-Haus. Das steht etwas abseits vom Zentrum hinter zwei Wohnblöcken im Sowjetstil, niedrig sind die zum Glück nur, der Fassadenputz ist bereits fast gänzlich abgeblättert. Und die Frauen waschen ihre Kleider und das Gemüse bei der Wasserstelle davor, wo mit Eimern Wasser aus dem Sodbrunnen gezogen wird. Offensichtlich gibt es in den Häusern kein fliessendes Wasser. Das Bai-Guesthouse grenzt zwar direkt und sehr nahe an dieses Quartier, doch der Baustil der Bai macht, dass es wie eine kleine Insel dazwischen steht. Die Bai bauen ihre Häuser nämlich immer um einen Innenhof herum, alle Fenster und Öffnungen sind auf diesen ausgerichtet und gegen den Hof zu gibt es Terrassen. Ich habe mein Zimmer auf dem obersten Geschoss gewählt, mit direktem Zugang auf die Dachterrasse und Blick zu den Bergen. Es ist ein sehr schöner Ort, ein alter Mann bringt immer seine Käfige mit den Singvögeln herauf, die zwischendurch extrem laut trällern, was ihn sehr zu bewegen scheint, oder er schnipselt mit einer Schere an den vielen und vielfältigen Topfpflanzen herum, die überall herum stehen. Das ist mir bereits bei den Naxi aufgefallen – deren Häuser übrigens sehr ähnlich sind – diese Menschen lieben Pflanzen ausserordentlich. Und Tiere ebenfalls – auch wenn uns diese Käfighaltung grausam erscheinen mag. Ich glaube nicht mehr, dass Chinesen grob zu Tieren sind, ich habe nie gesehen, dass sie diese Schlagen oder ihnen absichtlich Schmerzen zufügen, das ist eine falsche Vorstellung. Was hier hingegen fehlt, ist das Verständnis für Tiere, man fühlt sich nicht in sie hinein, versucht nicht wie wir, ihre Bedürfnisse zu verstehen und zu befriedigen. Doch absichtlich quälen, nein, das glaube ich nicht, Tiere sind ihnen wichtig. Und wenn ich die fetten Schweine in ihren Ställen, immerhin dick mit Stroh ausgelegt, gesehen habe oder auch manchmal, wie sie im Dorf etwas herumspaziert sind, dann hatte ich eigentlich immer das Gefühl, dass es denen besser geht als den Tieren in Zuchten bei uns. Weshalb ich Schweinefleisch auch ohne Bedenken esse, es schmeckt ganz ausgezeichnet.
Und die Fische, die in Becken mit sehr wenig Wasser auf dem Markt nach Luft schnappen? Chinesen lieben eben ihre Nahrung möglichst frisch, auch Hühner werden lebendig verkauft. Dass ein Fisch dabei leiden könnte, daran denken sie nicht. Dass auch ein Fisch Schmerzen oder Angst empfinden könnte. Hier sieht man sehr selten kranke und verletzte Hunde und Katzen in den Strassen, die meisten Tiere sind wohlgenährt und gesund – mindestens viel gesünder, als dass ich dies in Afrika oder Südamerika gesehen habe. Am schlimmsten ist es eigentlich mit Pferden und Eseln, die häufig von Sattel und Zaumzeug grosse offene Wunden haben. Doch auch hier, denke ich nicht, dass man dies Brutalität nennen kann, die Tiere werden nicht geschlagen oder absichtlich gequält.

Der Weg ist das Ziel, sage ich mir, als ich den Hang hinaufsteige, erst durch bewohntes Gebiet, später dann durch Gebüsch und Kiefernwälder, in Gabelungen immer dem breiteren Weg folgend. Hier ist es sehr schwierig zu planen, wohin man gehen will, denn etwas wie Wanderwege gibt es nicht. Zwischendurch allerdings – doch das ist eben auch nur in chinesischen Schriftzeichen angekündigt – kommen Waldstücke, die nicht mehr wirkliche Natur sind, es wurde eingegriffen, gerodet, geschnitten, grosse Steine eingesetzt und geschwungene gepflästerte Wege und Treppen angelegt. Ich bin in einen Hang geraten, der offensichtlich gestaltet wurde. Ein Restaurant steht irgendwo, ein paar moderne Häuser mit grossen Fenstern und Steinfassaden wie im Tessin, sind auf der Fläche verteilt, ich vermute, dass es sich um Ferienvillen handelt. Ich folge dem Pfad immer weiter, obwohl mir der Spruch von Laotse, ich bin im Moment daran, das „Tao Te King“ zu lesen, im Kopf klingt: Der Weg ist das Ziel. Es ist nicht wichtig anzukommen. Es ist nicht gut zu wollen, man muss den Dingen ihren Lauf lassen. Eigentlich sollte ich umkehren, ich habe keine Ahnung, wohin mich dieser Weg führt. Doch genau dies ist für mich schwierig, weiter und weiter hinauf will ich. Bis der Weg dann schliesslich in eine Holzplattform mündet und gerade vor einem Wasserfall mit kristallklarem Wasser aufhört. Ich habe das Ziel gefunden, das Umkehren fällt nun einfach.
Ich bin noch nicht reif für das Tao, das ist mir klar. Auch beim Zeichnen nicht. Wohl gelingt es mir in China merkwürdig gut, nicht zu wollen, in einer Art Automatismus, vielleicht auch Trance zu malen, ohne bewusst zu denken, genau so wie man ein Auto fährt. Und mich dabei wohl zu fühlen, es ist ein sehr angenehmes Gefühl, wenn das gelingt. – Nur ist es bei mir überhaupt nicht so, dass dabei die besten Resultate entstehen, wie dies Laotse postuliert. Erst wenn man nicht wolle, nicht kontrolliere, den Dingen ihren Lauf lasse, könnten geniale Sachen entstehen. Ich bin mir nicht sicher über diese Theorie. Wenn sie wirklich stimmt, dann bin ich mit meinen Talenten und Fähigkeiten eben noch meilenweit davon entfernt, ein Meister zu sein.