Freitag, 30. Oktober 2009



Guillin, 26. Oktober 2009

In China wird man immer überrascht. Da erwartete ich doch denselben Typ Nachtzug wie letztes Mal und diesmal waren „Soft sleeper“ - die Frau vom Hostel fragte mich ob ich einen „Hard sleeper“ wolle, was ich verneinte, in meinem Alter - diesmal also reise ich in einem Zug mit geschlossenen Abteilen und nur vier Betten darin. Und schlafe recht gut. Meine Mitbewohner, ein Paar und eine Frau, bieten mir auch diesmal gleich zu Beginn Früchte an, was ich akzeptiere. Ich werde ihnen später anbieten, was ich habe, nämlich Biskuits, doch sie werden ablehnen. Ich werde anschliessend ihr Angebot auf eine Dosensuppe zum Frühstück ebenfalls ablehnen, „houlai“ (choulai), später, werde ich sagen, was sie gut verstehen, wissen sie doch, dass wir solches am Morgen eher meiden. Und bin nun nicht mehr so ganz sicher, ob man Angebote hier annehmen soll oder ob dies lediglich Höflichkeitsgesten sind um jemanden, auch praktisch ohne Worte, willkommen zu heissen.

Am Morgen früh gibt es dann Tagwacht, ich frage sie, ob sie denn ebenfalls nach Guillin wollten, was bejaht wird. Da geht es nämlich noch gut 5 Stunden weiter. Sie verlassen dann aber denn Zug bei der nächsten Station, in „Nanning“, wie ich verstehe, und seither habe ich das ganze komfortable Abteil für mich alleine.
Nachdem wir während der Nacht wohl ziemlich weit hinauf und hinunter gereist sind, ich hatte einen extremen Druck in den Ohren, sind wir nun in einer flacheren Gegend, dicht besiedelt bisher. Der Himmel ist grau, was aber jetzt nichts mehr sagt, die Tage beginnen nun alle mit Hochnebel oder Nebel, der sich im Laufe des Morgens legt.
Eben gerade kommt eine Art Hostess das Abteil aufräumen, Papierkorb leeren, die Betten zurecht ziehen, im Zug hat es sehr viele Reisebegleiterinnen und -begleiter, auch die Toiletten sind immer noch sauber.

Gestern Abend fand ich sogar einen Speisewagen gerade nebenan – auch dies gab es letztes Mal nicht – weshalb ich sogar noch zu einem Nachtessen kam und mir mein obligatorisches Abendbier genehmigte. Hier wurde ich allerdings ziemlich bestaunt, offensichtlich tun das Langnasen selten, mindestens sehe ich vorher ein Dreiergrüppchen von Touristen nasenrümpfend zurückkehren. Es hat ihnen zuviel Rauch dort. Deshalb liebe militante Nichtraucher: Bitte niemals nach China reisen. Ihr werdet dort nur leiden oder die Leute belästigen. Was man als Gast sicherlich nicht tun sollte.
Im Zugrestaurant werde ich von einem Mann in schwarzer Uniform mit vielen Abzeichen, er sieht aus wie ein Polizeichef, bedient. In diesem Zug sind alle irgendwie uniformiert und etikettiert, ich denke, Chinesen mögen das.

Die Sonne tritt rötlich zwischen Wolkenrändern hervor, die Landschaft ist üppiggrün geworden, viel Wasser auch hier, wir folgen einem Flusslauf, Teiche überall, das ist etwas, das mir in China immer auffällt.

Dienstag, 27. Oktober 2009





Kunming 25. Oktober 2009

Das „Cloudland Youth Hostel“ in Kunming ist eine gute Adresse. Sauber, günstig würde ich nicht sagen, ein Chinesisches Hotel dieser Klasse würde viel weniger kosten. Der Vorteil dieses Hotels ist aber, dass die Angestellten sehr gut Englisch sprechen und einem auch alle Buchungen abnehmen. So musste ich mich weder um das Ticket für den Nachtzug heute nach Guillin, noch um den Flug von dort nach Shanghai kümmern, alles wurde für mich erledigt. Und zusätzlich kriegt man Informationen, mit welchem Stadtbus man wohin gelangt, dies alles sind unschätzbare Vorteile. – Dann aber auch: Wieder einmal normal sprechen zu können, sich mit Leuten auszutauschen. Hier hat es Travellers von überall her. Deutsch, Französisch, Englisch natürlich, wird gesprochen, Spanisch, auch Südamerikaner hat es, und Jüdisch. So ist es sehr einfach mit Leuten in Kontakt zu kommen und Erfahrungen auszutauschen, was zwischendurch gut tut und nützlich ist beim Reisen. Es gibt allerdings auch viele Dinge, die mich hier nerven. Zum Beispiel, dass alle drei aktuellen Ausgaben vom „Lonely Planet Guide“, die vom Hostel grosszügierweise in einer gut ausgestatteten Bibliothek zur Verfügung gestellt werden, unvollständig sind, weil sich manche Leute offensichtlich einfach die Seiten herausschneiden, die sie gerade brauchen. Und sich so das Geld für einen eigenen Guide sparen. Ganz ehrlich gesagt, passe ich hier viel mehr auf meine Sachen auf, als in irgend einem wirklich chinesischen Hotel. Dort würde solches nie passieren. Die Kundschaft im Cloudland ist sehr gemischt, auch Chinesen sind hier, doch offensichtlich gibt es kaum eine Vermischung zwischen dem chinesischen und dem ausländischen Publikum. Obwohl gerade diese Chinesen hier im allgemeinen Englisch sprechen. Auch altersmässig ist es sehr unterschiedlich, neben einem vorwiegend jungen Publikum gibt es auch ältere Leute wie mich.Und gerade gegenüber, im nächsten Hof eigentlich, vom Restaurant aus hat es Fenster, die auf diese Seite führen, auf der anderen Seite also, ist ein chinesisches Publikum. Ein ganz normales Quartier, die Leute wohnen da und vor allem – in Kunming ein speziell schlimmes Übel - spielen bereits ab Mittag an ihren kleinen Tischchen. So kommt man auch hier in den Genuss von echtem China. Mindestens als Zuschauer.
Vorgestern habe ich den „Ethnic Nationality Park“ besucht, der mit dem Stadtbus erreicht werden kann. Ich habe mir erhofft, hier endlich eine Übersicht zu bekommen über die verschiedenen Minoritätenvölker Yunnans. Bai, Naxi, Dai und Hani sind mir ja unterwegs bereits begegnet. Doch habe ich so viele verschiedene farbenprächtige Trachten gesehen, dass es schwierig war, sie zuzuordnen. Übrigens wird traditionelle Kleidung im Alltag wohl weltweit vorwiegend noch von Frauen getragen, die Männer zeihen solches höchstens für Festtage an. Sind Frauen denn traditionsbewusster? Nicht alle dieser alten Kleidungsstücke könnte man nämlich als besonders bequem bezeichnen. – Zurück zum Park, in dem ich hoffte, mir eine systematische Übersicht verschaffen zu können, auch zu den Baustilen, beispielsweise der Naxi, der Bai und der Yi, die sich sehr ähneln, Hofhäuser, auf drei Seiten umbaut mit Stirnwand als Schutz vor neugierigen Blicken. – Doch dies scheint nicht dem Bedürfnis chinesischer Touristen zu entsprechen, viel wichtiger sind hier gute Fotosujets. Überall können Trachten gemietet werden, etwas, wovon die Besucher rege profitieren. So kleiden sie sich schön bunt, und lassen sich vor einem netten Häuschen ablichten. Vor irgendeinem, das ist wohl gar nicht wichtig, alle Kleidervermieter haben nämlich alle verschiedenen Trachten, damit die Besucher auslesen können. Weshalb ich auch nur sehr bedingt herausgefunden habe, wie sich die einzelnen Minoritäten kleiden. Offensichtlich recht variabel auch, so dass es schwierig ist, zuzuordnen. Aufgefallen sind mir die witzigen, bunt gefärbten Plissejupes der Miao, die ich bereits häufig in Souvenirshops bewundert habe. Dazu tragen die Frauen eine Art Lampenschirm auf dem Kopf, der mit Metallschmuck und Perlen reich behängt ist. Etwas weiteres habe ich auch noch gelernt, nämlich, dass man auch in Yunnan bei manchen Völkern den Blockhausstil kannte. Das sieht dann effektiv fast aus wie in der Schweiz, dem Wallis am ersten, denn die Häuser stehen ebenfalls auf Stelzen, allerdings ohne die charakteristischen Steinplatten dazwischen. Leider war man in diesem Park aber zu faul, das richtig nachzubauen, weshalb gut sichtbar ist, dass die hervorstehenden Eckstücke nur aufgeklebt sind. Überhaupt zweifle ich etwas, ob alle Details hier auch wirklich stimmen, wahrscheinlich war dieser Anspruch nicht so wichtig. Hauptsache: ein Touristenmagnet.
Dasselbe ist natürlich auch Shilin, der Steinwald in der Nähe von Kunming. Extrem schöne Felsformationen, hochhausgrosse Karstzähne, zwischen denen Wege gebaut wurden, manchmal sind die Durchgänge so schmal, dass man Angst hat stecken zu bleiben. Und irgendwo schwappt zwischen diesen Gigantenzähnen ein Teich mit tintenschwarzem Wasser, über den Stege und Brücken führen. Unheimlich und schön. Man kann hier tagelang herumwandeln. – Doch das tun die wenigsten, sobald man von den zentralen Fotosujets weg ist, die mit Elektrobussen angepeilt werden, dann ist man ganz alleine. Oder fast. Zwischendurch trifft man auf andere ausländische Touristen und die paar wenigen Chinesen, die es auch bevorzugen, individuell herumzureisen.Im „Cloudland“ meint eine Französin, ja, das nerve sie auch, dieser chinesische Gruppentourismus, alle zusammen, eine hübsche Leiterin, die dauernd in ihr Megafon quacke und die Leute vorantreibe. Doch dies sei wohl der Beginn des Tourismus, ist die Französin überzeugt, vorher hätten sie das nicht tun können. - Ich habe darüber nachgedacht und denke, das stimmt nicht. Bei uns begann der Tourismus mit ein paar Individualisten, die als Spinner angesehen wurden und die Berge eroberten. Erst viel später folgte der Massen- und Gruppentourismus. Wahrscheinlich fühlen sich die Chinesen einfach wohler, wenn sie nicht alleine sind. In der dicht bevölkerten chinesischen Welt ein Vorteil.



Kunming 22. Oktober 2009

Von Zahlen und Zeichensprache. Mein Vertrauen, dass die Gestensprache überall auf der Welt ungefähr gleich funktioniere, wurde in China bereits am Anfang erschüttert. Beim Zählen. Schien es mir doch logisch, dass man jedes Mal einfach einen Finger mehr hochhält. Chinesen jedoch zählen anders. Zwei beispielsweise, sind nicht Daumen und Zeigfinger, denn das ist acht, sondern Ringfinger und Mittelfinger. Und bei zehn beispielsweise schlägt man die Zeigfinger beider Hände im senkrechten Winkel gekreuzt aufeinander, die Logik ist also ganz eine andere. Und unterdessen fällt es mir leichter, die Zahlen zu sagen und zu verstehen, als die Fingersprache. Doch häufig denken die Chinesen gleich wie ich, nämlich, dass es einfacher sei, mir mit den Händen klar zu machen, wie viel etwas koste - weil das doch logisch sei. – Das war zwar ein harter Schlag und verunsicherte mich arg, unterdessen habe ich aber bemerkt, dass trotzdem vieles, alles was mit Gemütsregungen zu tun hat sicherlich, problemlos über die Gestik verstanden werden kann. Gestern Abend im Konfuziuspark von Jianshui, wollten mir manche der älteren herumspazierenden Leute zu verstehen geben, dass ihnen meine Zeichnung gefiel. Das habe ich problemlos verstanden. Missfallen und Gefallen, das funktioniert ganz sicher bei den Chinesen genau gleich. Und wenn ich über etwas wütend werde, denn versteht man das hier auch, wenn ich in Englisch fluche. Obwohl ich mir inzwischen die passenden Worte angeeignet habe: bu dui, bu hao, das geht nicht, ist nicht gut, das will ich nicht oder bu xing, das bu sching ausgesprochen wird, mich an bullshit erinnert und deshalb besonders einfach zu behalten ist. - Das bei den Chinesen bekannteste englische Wort ist sicherlich hello. Gerade im Süden wurde ich überall mit hello begrüsst.

Ein weiteres sprachliches Detail, das mich erstaunt. Vater und Mutter heissen auf Chinesisch gleich wie bei uns, nämlich „Baba“ und „Mama“. Sind das wohl natürliche Urlaute, die jedes Menschenkind als erstes ausspricht? Ich suche nach den Worten in Swahili und finde sie momentan nicht. Doch erinnere ich mich daran, dass der Moritz, der Sohn meiner Schwester als erstes Wort „Auto“ sagte. Das mit den Urlauten kann also nicht stimmen.

Heute bin ich von Jianshui mit dem Bus nach Kunming gefahren. Ein luxuriöseres Busmodel diesmal, ich bin zurück in der Zivilisation. Auf dem Videoschirm läuft ein Film über chinesische Spieler in Las Vegas. Eine Gaunerkomödie. Chinesen sind einfach fasziniert vom Spielen.
Unterwegs wird die Landschaft eintöniger, Autobahn nun für den Rest der Reise, im allgemeinen flach, es wird intensiv Gemüseanbau betrieben, häufig auch unter Plastiktunneln. Auffällig sind die vielen riesigen neuen Moscheen. Saudiarabien engagiert sich wohl auch hier gerne. Man bringt die Religionen jetzt nach China zurück, auch die Japaner sollen aktiv beteiligt sein, den Buddhismus in China wieder aufleben zu lassen.

Freitag, 23. Oktober 2009



Jianshui, 21. Oktober 2009

Von Xingxi ist die Strase steil ein paar hundert Meter abgefallen nach Nancha, das merkwürdigerweise immer noch unter dem Namen Yuanyuang läuft. Die Stadt liegt auf einem tief eingeschnittenen Talboden, hier hat es keine Nebelschwaden mehr, es ist heiss, Palmen säumen den Strassenrand und bunt blühende Bougainvilleas hängen über die Mauern. Die Hügel ringsherum sind baumlos, von einer Garrigue ähnlichen Vegetation bewachsen, so trocken und kahl und ockerfarben und staubig war es schon lange nicht mehr. Gleich darauf schraubt sich die Strasse auf der Nordseite des Flusses unglaublich steil in die Abhänge eines Seitentales hinauf, die Ausblicke sind atemberaubend, die Kahlheit der Berge ebenfalls. Erst als wir wieder in grosser Höhe oben angelangt sind, beginnt der Nebel und damit erste Reisterrassen und Dörfer. Nach einem kurzen Plateau fällt der Weg bereits wieder ab, kahl die Hänge wieder, die Erde intensiv orangerot leuchtend, besonders dort, wo sich grosse Erosionstrichter gebildet haben und am schönsten vor grünen Föhren oder den hier angepflanzten Eukalyptusbäumen. Mr.Patersons Gegend, hier betreibt Sunshine Technology Wiederbewaldungsprojekte mit Eukalyptus. Und ehrlich gesagt, wenn der hier wachsen will, dann ist das sicherlich gut. Ganz offensichtlich sind die Hänge nach der Abholzung – man hat jetzt Mühe, sich vorzustellen, dass die einmal bewaldet waren – gänzlich ausgemagert, der Boden ist sehr arm, von selbst kommt hier kaum wieder Wald auf. Ein riesiges Gebiet ist das, das kann man sich in der Schweiz gar nicht vorstellen.

Heute habe ich schon wieder Glück gehabt in dem Sinne, dass ich problemlos ein gutes günstiges chinesisches Hotel gefunden habe, ich mag das Zimmer sehr. Nur sind am Abend in den Zimmern ringsherum offensichtlich vergnügungswütige Chinesen eingezogen, die sich ihr Leben mit Reisen und – des Abends eben, was kann man denn sonst machen in einer kleinen Provinzstadt - spielen versüssen wollen. So befinden sich momentan in meinem Nebenzimmern rund 10 Chinesinnen und Chinesen und spielen Karten. Ob sie dazu trinken, das weiss ich nicht. Dass das einen ganz fürchterlichen Krach macht hingegen schon. Dabei liegt mein Zimmer auf der Rückseite des Hotels, mit wunderbarem Blick über die tieferen alten Häuser, es war eine ruhige Nacht zu erwarten.
Ich bin nun in Jianshui, einem weiteren Ort, der erst daran ist, vom Tourismus erschlossen zu werden und in meinem Reiseführer gar nicht vorkommt. Es gibt hier einen Konfuziustempel und eine Altstadt, die noch wirklich Altstadt ist, will heissen lebt, obwohl auch hier sicherlich etliche Häuser nicht wirklich alten Datums sind sondern nachgebaut. Auffällig ist der für China hohe Anteil an verschleierten Frauen – nicht mehr als in Bern, das doch nicht - das habe ich im ganzen Süden sonst nie gesehen. Habe ich wohl deshalb heute etwas länger gebraucht um mein Abendbier zu finden, das ich mir wie immer, während des Schreibens im Hotelzimmer genehmige?
Jianshui ist noch eine ganz normale lebhafte Stadt, da würde ich gerne bleiben, doch mittlerweile habe ich einen strikten Fahrplan, am 30.Oktober ist Abreise. Die Abenddämmerung verbringe ich im Park und auf den grosszügigen Plätzen rings um den Konfuziustempel. Die Stunde, wo es alle aus den Häusern lockt. Die Vogelfreunde haben ihre Singamseln bereits in die Bäume gehängt und hören andächtig zu. Ein paar Drachenfreunde haben ihre Papiertiere in die Luft steigen gelassen wo sie um die Wette fliegen mit den viel wendigeren Fledermäusen, die Eltern kommen mit ihren Kleinen, für die es ein Karussell und weitere Spielzeuge hat, die Älteren vergnügen sich an Billardtischen, die im Freien stehen und des nachts zugedeckt werden, und alte Leute machen ihre Spaziergänge, Schüler wandeln in den Parks herum und lernen laut ihre Texte auswendig oder lesen sie mindestens ab. Ein friedlicher Herbstabend, ich fühle mich wohl.


Xingxi, 20. Oktober 2009

Die Chinesen sind ein sehr energiebewusstes Volk. Sobald irgendwo ein Licht nicht mehr benötigt wird, kommt sofort jemand und schaltet es aus. Und in den Hotelzimmern sind die Glühbirnen meistens derartig schwach, dass es praktisch unmöglich ist, zu lesen. Seit ich mir eine starke Glühbirne gekauft habe, kann ich das wieder bequem tun, so manch düsteres Hotelzimmer hat sich damit in bestem Licht gezeigt. Energiebewusst sind die Chinesen auch in dem Sinne, dass südlich vom Yangtse nicht mehr geheizt werden darf. Oder durfte, das ändert sich wohl etwas. Obwohl da winters durchaus auch Temperaturen um den Gefrierpunkt herum vorkommen können. Ein letztes leidiges Thema dazu ist das Warmwasser. Ganz selten kann wirklich heiss geduscht werden. Auch hier habe ich eine Methode entwickelt. Ich giesse heisses Wasser aus der Thermoskanne oder dem Teekocher ins Lavabo, so kann ich mich wenigstens warm waschen, etwas, das ich bereits wieder schätze. Der Herbstnebel kriecht des abends über die Berghänge, die Nächte sind kühl und feucht und er bleibt auch am Morgen noch lange liegen.
Diese Energiesparmanie, die ja lobenswert ist, macht ebenfalls, dass eine kleine Stadt wie Xingxi bereits um sieben Uhr abends im Dunkeln liegt, die Tage werden kürzer, das ist in China genauso spürbar. Ich gehe der langen Strasse entlang, die über den buckeligen Grat führt, von Geschäften gesäumt, die aber die meisten bereits geschlossen sind, eine Strassenbeleuchtung existiert nicht, zwangsläufig eine Fussgängerzone, denn zwischendurch gibt es Teilstücke mit Treppen. Beidseitig Ausblicke durch schmale Seitengässchen, die schwindelerregend steil, meist Treppen, hinunterführen. Dies ist der hauptsächliche Reiz von Xingxi, einem Ortsteil von Yuanyuang, das für seine Reisterrassen berühmt ist. Noch nicht allzu sehr, der chinesische Massentourismus ist nicht hier angelangt. Zu abgelegen wohl. Aber wahrscheinlich auch, weil sich Berghänge schlecht vermarkten lassen. Wo soll man da Eintritt verlangen?

Yuanyuang ist zwar eine angenehme kleine Stadt, doch beschliesse ich trotzdem, heute weiter zu reisen. So viele – und auch noch weit schönere - Reisterrassen habe ich auf meiner dreitägigen Reise durch das Gebirge gesehen, da kann mich dieser Ort nicht mehr sonderlich beeindrucken.

Zum Thema Emanzipation. Warum gibt es in der Schweiz eigentlich nie Proteste, dass nicht gleich viele Frauen wie Männer Bauarbeiterinnen, Strassenwischerinnen oder Abfallentsorgerinnen sind? Da würde sich doch ebenfalls eine Quotenregelung aufdrängen. Hier in China mindestens, werden auch diese Arbeiten gleichermassen von Männern wie von Frauen erledigt. Überhaupt kann man hier das Schema von Männerberuf und Frauenberuf offensichtlich gänzlich vergessen. Ich weiss nicht, wie heutzutage die Leute hier ihren Beruf auswählen. Wohl kaum nach Wünschen und Träumen, wenn sie Glück haben vielleicht nach Neigungen. - Während der Kulturrevolution war das klar, da sagte die Partei, was für Leute sie brauchte, der einzelne hatte nichts zu seinem Schicksal zu sagen. Auch Intellektuelle wurden in Fabriken und zur Landarbeit geschickt. - Selbst heute machen die meisten Leute in China eine Arbeit, die körperlich sehr anstrengend ist und in der Schweiz wohl von der Suva verboten wäre. Männer wie Frauen.

Luchun, 19. Oktober 2009
Ganz unbemerkt bin ich heute wieder aus tropischem Gebiet in gemässigte Zonen zurückgereist, erst heute Nachmittag fiel mir dies auf. Keine Kautschukplantagen mehr, nur noch wenig Tee, Bananen schon noch, doch nur einzelne Stauden, nicht mehr ganze Hänge voll, überhaupt weniger saftig grün, weniger wuchernd, Ockertöne dazwischen, erste Nadelbäume tauchen auf. Dafür nun steile Hänge voller schmalster Reisterrassen, die häufig noch unter Wasser stehen, die berühmten Terrassen von Yuanyuang, von den Hani erschaffen, beginnen vermutlich bereits hier. Die Dörfer zeichnen sich durch keinen charakteristischen Baustil mehr aus, einfache kleine Steinhäuser, auffällig ist eher die Lage der Siedlungen, meistens zuoberst auf einer Bergkrete oder einem vorspringenden Sporn. Dörfer mit Adlersicht. Auch Lüchun, die Stadt, in der ich heute übernachte.

Der Buschauffeur am Morgen steigt erst kurz vor der Abfahrt in den Bus ein, gesprächig ist er nicht. Ein Knabe erst, scheint mir, der ist doch keine 20 Jahre alt, hoffentlich macht der seinen Job recht. Der Junge blickt unter extrem langen und geraden Wimpern hervor mit einem sanftmütigen, aber entrückten und undurchdringlichen Blick. Wie eine Kuh, fast glaube ich seine Kiefer mahlen zu sehen. Die Augen sind stark schräg gestellt und schmal, den Mund hat er vom Lucky Look geerbt und meistens hängt auch eine Zigarette darin. Extrem ruhig fährt er den Bus durch den noch Nebel verhangenen Morgen, nichts schient ihn aus der Ruhe zu bringen, das sehe ich gut, denn heute habe ich den Sitz gleich neben dem Fahrer. Nach etwa einer Stunde Fahrt kommen wir durch ein Dorf, wo gerade Markt ist, buntes Treiben, das mich ganz merkwürdig an Szenen in Südamerikas Anden erinnert. Und die hier oft dunkelhäutigeren Leute mit den etwas kantigen Gesichtern gleichen den Indios, finde ich. Kurz nach der Ortschaft hört der Strassenbelag auf, eine glitschige rote Fahrbahn führt in engen Windungen den steilen Hügel hinab. Irgendeinmal fahren wir auf eine Kolonne stehender Lastwagen auf, auch Personenwagen hat es dazwischen, und unser Bus bleibt stehen. Wie bereits gestern, stelle ich fest, dass dies alle als willkommenen Toilettenstopp nutzen, doch diesmal habe ich gelernt und versuche anschliessend herauszufinden, was eigentlich los ist. Etwa hundert Meter weiter, hinter der nächsten Kurve, löst sich die Strasse definitiv in Schlamm auf, ein Erdrutsch muss kürzlich über die Fahrbahn geglitten sein, in beiden Richtungen stehen Lastwagen bis zum Bauch im Schlamm, für mich sieht die Situation ziemlich hoffnungslos aus, etwa sechs Männer sind mit Schaufeln und Hacken am Werk. Ein Durchkommen? Auch heute zeigen sich die Buspassagiere erstaunlich unbeteiligt, sitzen im Schatten am Strassenrand ab, die Sonne beginnt auf den Bus einzubrennen. Nach etwa einer halben Stunde fährt unser Fahrer ohne Ankündigung an, überholt all die wartenden Fahrzeuge und bleibt genau dort in der Spur stehen, wo die Reifen noch etwas Halt finden. Ich begreife dieses Manöver überhaupt nicht, immer noch sind beide Spuren blockiert und nun würde unser Bus auch noch das entgegenkommende Fahrzeug behindern, falls dieses sich befreien könnte. Doch offensichtlich hat unser junger Chauffeur etwas mehr gesehen als ich und wollte sich den ersten Platz sichern. Ungefähr 5 Minuten später schafft es der Lastwagen, der in derselben Richtung fährt wie wir, sich aus dem Schlamm los zu reissen, die Spur ist frei. Nun sehe ich unseren Fahrer auf die Leute mit den Schaufeln einreden, hier noch etwas mehr Erde, dort noch etwas, gibt präzise Befehle und testet den Boden mit seinen Füssen aus. Nach weiteren fünf Minuten fährt er den Bus mit gewaltigem Tempo, ich habe Angst, dass der sich dabei überschlägt, das viele Gepäck auf dem Dach kommt arg ins Schwanken, und schon ist er durch den Schlamm hindurch. Worauf er, noch immer auf sehr matschigem Boden, anhält und zurückfährt um dem Bus aus der Gegenrichtung, der ebenfalls im Schlamm feststeckt mit einem Seil hinaus zu helfen. Wenn das nur gut kommt, denke ich, das scheint mir eine heldenhafte, aber gewagte Tat. Doch meine Angst ist unbegründet, es klappt auf Anhieb, ich bin wirklich begeistert, solch ein Fahrer, das hätte ich ihm nie zugetraut. Wir steigen alle wieder ein und ich mache ihm ein Kompliment, natürlich auf Englisch, doch bin ich überzeugt, dass Komplimente international verständlich sind. Und denke auch, dass er verstanden hat, ich glaube ein winziges stolzes Glitzern in seinen Augen zu sehen, die sonst, wie das ganze Gesicht während der ganzen Fahrt völlig unbewegt bleiben. – Unsere Reise wird dann noch rund acht Stunden weitergehen, nicht mehr ganz so schlimm, doch vielerorts versperren Erdrutsche die Fahrbahn oder Bäche haben unheimliche Mengen von Geschiebe auf die Strasse verfrachtet, oder Teile der Strasse sind abgerutscht. Entlang eines Flusses, der erst seit kurzem gestaut sein muss, wurde erhöht in den Hang eine neue Strasse gezogen, die bereits zu einem grossen Teil abgerutscht ist oder von Rutschen überdeckt. Trotz meinem riesigen Vertrauen in diesen Chauffeur, frage ich mich zwischendurch, wenn der Bus sich durch glitschigroten Boden malmt und der Abgrund gleich daneben gähnt, ob ich eigentlich soviel Abenteuer überhaupt gewünscht habe. Beim Mittagsrast in einem Busbahnhof in einem Städtchen im nirgendwo esse ich wunderbaren Reis mit Gemüse für fast nichts, unser Buschauffeur setzt sich vor den Fernseher und zündet sich eine Zigarette an. Und steht nach einer Viertel Stunde wieder auf, hupt laut, alle zurück in den Bus und weiter geht es, dazu braucht es keine Worte. Ich habe den Jungen den ganzen Tag nichts essen und kaum trinken sehen. Vielleicht stimmt ja der Buddhismus doch mit seiner Theorie, das nichts real sei. So ganz begriffen habe ich das ja nicht, (finde die Theorie auch sehr schwierig und frage mich, wie so viele Westler sich für diesen Glauben begeistern können; haben die das denn wirklich verstanden?) doch Körper und Geist scheinen mir bei diesem Wesen effektiv zwei getrennte Dinge, da ist nur Konzentration und Wille während dieser langen Fahrt, seinen Körper fühlt der Junge ganz offensichtlich nicht. Und hätte ich nicht zwischendurch sein lautes Spuken zum Fenster hinaus gehört - das scheint vor allem in den Bussen wirklich ein Volkssport zu sein - dann wäre ich in den schläfrigen Nachmittagsstunden nicht erstaunt gewesen, ich kämpfe mit dem Schlaf, alles wird halbwegs Traum, ihn in einer Kurve abheben und über die Wolken davon schweben zu sehen.

Gegen Abend hält der Bus in einer kleinen Stadt auf einem steilen Hügel oben. Luchun ist erreicht, eine weitere Stadt, die es in keinen Reiseführer schafft, ich werde nochmals einen Tag benötigen, um mein Ziel zu erreichen. Nachdem ich mein Ticket für Morgen gekauft habe und mich die nette Verkäuferin auch gleich zu einem Hotel gebracht hat, genehmige ich mir ein heisses Bad, das erste wirklich heisse Wasser seit langem und das zweite Mal eine Badewanne. Zwei Tage nacheinander übernachte ich gleich neben der Busstation in einem chinesischen Hotel gehobenen Standards, ich mag nicht lange herumsuchen, morgen geht es sowieso weiter. Solche Hotels kosten in dieser Gegend 60 Yuan, also rund 10 Franken für ein Doppelzimmer. Sie sind riesig bemessen und mindestens drei Meter hoch, Tischchen, Sessel, Schreibtisch und natürlich Fernseher sind vorhanden. Und im Badezimmer eine europäische Toilette, einfache chinesische Hotels haben normalerweise ein Plumsklo, und statt einer Dusche darüber, daneben eine Badewanne. Einziger Makel: das Internet kann ich hier vergessen. Im weiteren ist für diesen Typ Hotel, selbst in gehobenen Klassen, auffällig, das meistens höchstens zwei Drittel der Lampen funktionieren – der Fernseher immer, das gäbe sonst Probleme - und dass sowohl in den Badetüchern, wie in den Kissenbezügen durchaus Löcher vorkommen können. Falls es Spannteppiche hat, so sind die leicht schmuddelig, worüber ich nicht mehr staune, denn die Angestellten versuchen mich immer davon zu überzeugen, dass ich ruhig die Schuhe anbehalten könne, wenn ich ein Zimmer besichtigen gehe. Die Nase muss oft mit Kanalisationsgeruch oder abgestandenem Zigarettenrauch, der in den Spannteppichen und Vorhängen kleben bleibt, leben können. - Doch über den Preis darf man nicht klagen, selbst ein einfaches Hotel, das sich auch an ein westliches Publikum richtet, kostet rasch das Doppelte.

Luchun ist eindeutig wieder eine chinesische Stadt, merkwürdig, wie Klima und Bewohner übereinstimmen. Eine hässliche Stadt, trotz ihrer Lage mit sensationellen Ausblicken auf die terrassierten Hügel ringsherum. Protzige Gebäude in kommunistischem Monumentalstil verunstalten das Stadtbild, entlang der Hauptstrasse auch hier eine riesige Bautätigkeit, sehr dicht wird gebaut, der wenige flache Boden will gut genutzt sein, schon bald fällt beiderseits der Hauptstasse das Terrain steil ab, das Bauen wird aufwändig. Ein Quartier der Stadt besteht aus einer Kaserne, ich bin dort nicht erwünscht. Wohl deshalb die protzigen Regierungsbauten, die Chinas Präsenz hier auf eine penetrante Art markieren. Haben die Hani, die von den Dai aus den fruchtbaren Ebenen und Hügelgebieten des Südens in die steilen Berghänge hinauf vertrieben wurden, wo sie ein meisterhaftes Können im Bau von Reisterrassen selbst an den steilsten Hängen entwickelten, sich wohl diesmal gewehrt gegen die neuen Besatzer, dass sie derartig stark mit Militär beglückt wurden?
Ein witziges Detail. Als erstes bemerke ich, dass auf der Hauptstrasse offene Elektrobusse verkehren, wie dies an allen touristisch erschlossenen Plätzen der Fall ist. Ich bin etwas erstaunt und denke, dass die chinesische Tourismusindustrie wohl bemerkt hat, dass atemberaubende Reisterrassen auch in Luchun zu haben sind. Später stelle ich jedoch fest, dass es sich nicht um Touristen, sondern um normale Bewohner handelt, die Elektrobusse scheinen ein Stadtbusnetz zu ersetzen, was angesichts der Grösse des Ortes durchaus sinnvoll ist. - Westliche Touristen scheinen hier selten vorbei zu kommen, ich falle auf, doch sind die Bewohner weit zurückhaltender als in den vorigen Orten.

Donnerstag, 22. Oktober 2009

Jiangcheng, 17. Oktober 2009

Jiangcheng liess sich in keinem Reiseführer finden, ich wusste, dass ich mich auf ein Abenteuer einliess. Doch um von Jinhong zu den berühmten Reisterrassen in Yuanyang zu gelangen, gab es entweder einen Nachtbus oder dann die Strecke der vietnamesischen Grenze entlang mit Buswechsel und Übernachten in diesem Jiancheng. Ich habe die zweite Variante gewählt, denn ich wollte etwas von der Gegend sehen.

Als ich heute Morgen in Menglun in den Bus stieg, roch es streng darin, Bauern, hatte ich das Gefühl, zurück in ihre Dörfer und war froh, als sich der erste Fahrgast eine Zigarette anzündete. Sogleich begann sich der Bus in die saftiggrünen Hügel hinauf zu winden, die Strasse war steil und kurvenreich, die abschüssige, zerfurchte Hügellandschaft – das Emmental lässt grüssen – ist nur noch stellenweise vom tropischen Urwald bedeckt. Der grösste Teil der Landschaft ist mit Gummiplantagen bepflanzt oder mit Tee, seltener Bananen. Ältere Gummibaumplantagen mögen für Nichtbotaniker recht natürlich wirken, aus der Ferne sieht man die schmalen Terrassen nicht mehr, die in die Abhänge geformt wurden. – Doch was will ich anklagen, im Emmental ist der Wald ja auch rar geworden, kein Grund also zu erwarten, das hier alles noch reine Natur. Immerhin macht die tropische Natur, dass alles wild spriesst und wuchert, nicht nur ganz das was soll, und verwundert stelle ich fest, dass selbst die steilsten Terrassen in den Hängen offensichtlich nicht von Erosion bedroht sind. Derartig schnell schliesst sich die üppige Pflanzendecke wieder und schützt den nackten roten Boden.

Nach ungefähr einer Stunde hält der Bus in einer steilen Kurve, beste Aussicht auf die umgebende Landschaft hinunter, ein paar Motorräder warten auch dort, einige Menschen sitzen herum, ein steiler Weg führt zu einem Dorf hinunter. Ein Mann und eine Frau stehen auf und verschwinden offensichtlich im Gebüsch. Ich finde das einen originellen Toilettenhalt, der Chauffeur beginnt zu telefonieren, eine Weile geschieht sonst nichts. Dann stehen die meisten Busteilnehmer auf und verschwinden ganz offensichtlich im Gebüsch, der Buschauffeur telefoniert immer noch, die Zeit vergeht und schliesslich finde auch ich, dass ich das ja mal ausprobieren könne. Ein Stück die Strasse rückwärts, dann eine Terrasse hinunter, von der Strasse her sieht man mich nicht mehr, dort finde ich die Frauen bei ihrem Geschäft. Ich hocke mich ebenfalls hin und bin ganz begeistert von der Aussicht, die sich mir bietet und finde den Chauffeur wirklich toll, das ist weit besser als die stinkigen schmutzigen Aborte in den Bushaltestellen. Inzwischen hat der Buschauffeur den Deckel über dem Motor abgenommen, er misst den Ölstand, die Busse hier haben die Motoren von oben zugänglich direkt neben dem Fahrer in der Mitte platziert. Ich setze mich wieder, der Chauffeur telefoniert immer noch, ich beginne Wörtchen zu repetieren und ungefähr nach einer Stunde finde ich doch, das dieser Buschauffeur seine persönlichen Probleme ruhig ausserhalb seiner Arbeitszeit lösen könnte und nun langsam weiter fahren. Nach einer weiteren halben Stunde hat sich der morgendliche Nebel verzogen, die Sonne brennt gnadenlos auf den Bus hinunter, was mich veranlasst, diesen erneut zu verlassen. Draussen sehe ich dann einen Mann unter dem Bus etwas manipulieren, und mehrere Männer die daneben hocken. Niemand spricht, keine guten Ratschläge oder Fragen, doch mir wird endlich klar, dass da etwas nicht stimmt. Dass der Fahrer herumtelefoniert hat um zu fragen was zu tun sei. Inzwischen ist offensichtlich ein Auto mit einem Mechaniker angerückt, der den Schaden zu beheben versucht. Einige Busse passieren uns von beiden Seiten und halten jeweils an. Ich denke daran, den Bus zu wechseln, doch der Fahrer bedeutet mir nein, der Buss sei gleich wieder fahrbereit. Wenn ich dem Treiben unter dem Wagen zuschaue, finde ich das recht optimistisch. Der Fahrer erhält von einem weiteren Bus sein Mittagessen mitgebracht, er organisiert sich gut ist zu sagen. Kurze Zeit darauf springt der Motor wieder an, die Reise geht weiter, ich glaubte damals noch, so in rund zwei Stunden seien wir am Ziel. – Angekommen sind wir dann gut 6 Stunden später, ich habe diese Reise gänzlich unterschätzt. 180 km durch enge kurvenreiche Gebirgsstrassen, das braucht offensichtlich viel Zeit. Auch wenn der Bus nun nicht mehr bockt. Zweimal noch hält der Chauffeur an und öffnet zur Kontrolle die Haube zum Motor. Leichenstille im Bus, niemand spricht und nach einer Weile fährt der Chauffeur weiter und mir fällt ein Stein vom Herz. Keine Ahnung, was dem Motor gefehlt hat.

Auf der Strecke begegnen wir vor allem Lastwagen und Maultierkarawanen, die schwere Säcke geladen haben, dem widerlichen Geruch nach nehme ich an, ist es Kunstdünger. Der südafrikanische Forstingenieur, den ich kennen gelernt habe, hat mir bereits gesagt, dass die chinesischen Böden extrem mager seien, wahrscheinlich von Natur aus, bereits die Gesteine. Ohne Düngung könne man hier selbst Eucalyptus nicht anpflanzen. Und Maultierkarawanen sind hier offensichtlich mit Lastwagen noch konkurrenzfähig. Je weiter wir ins Land eindringen, desto häufiger sind es Hunde, Ziegen oder eben Maultiere und ihre Führer, die uns auf der Strasse begegnen. Sobald sich die Strasse wieder etwas in Talsohlen hinunterbewegt, wird Reis angebaut, etwas höher noch Mais und die charakteristischen Holzhäuser der Dai klammern sich auf Stelzen in die steilen Hänge. - Von wegen Minoritätenpark in Ganglanba. Hier oben liessen sich viel grössere noch ursprünglich erhaltene Siedlungen finden.
Etwas höher in den Hängen, dort wo die Gummibaum- und Teestrauchplantagen beginnen, sind die
Siedlungen neueren Datums. Ganz offensichtlich wurden sie erst kürzlich angelegt. Zusammen mit den vielen jungen Plantagen, die man an den zarten Bäumchen einfach erkennt. Häufig werden im jungen Stadium noch Teehecken dazwischengepflanzt, oder Ananasstauden.

Wunderschön ist sie, diese Landschaft, die am Busfenster vorbei zieht, doch irgendeinmal gegen Abend werde auch ich müde vom Schauen und Geschütteltwerden und bin froh, als wir endlich ankommen. Glücklicherweise finde ich ein passables Hotel, mehr als ich hier erwartet habe, gleich neben dem Busbahnhof. Komplizierter wird es mit der Organisation der Weiterfahrt morgen nach Yuanyang, fast befürchte ich schon, ich müsse nun doch noch zur Notleine greifen und dem Mr.Guo telefonieren, der mir anbot, bei Schwierigkeiten jederzeit an ihn zu denken, er fungiere dann als Übersetzer. Doch zum Glück kommt es doch nicht so weit. Ich finde erstens heraus, dass der Bus zwar nicht von hier, doch von der Bushaltestelle nebenan fährt und dass es zweitens gar keinen direkten Bus nach Yuanyang gibt. Nur einen bis Lüchun, das gehe so rund 5 Stunden, dort müsse ich umsteigen. Und ob ich dann bis am Abend in Yuanyang bin, darauf mag ich mich momentan nicht verlassen. Ein weiterer beschwerlicher Tag also.

Jiancheng ist gar nicht so winzig, grösser mindestens als die vorderen beiden Orte wo ich übernachtet habe, aber eben touristisch uninteressant. Normale chinesische Kleinstadt im tropischen Hügelland. Doch in der einzigen langen Ladenstrasse finde ich endlich ein passendes Ladegerät für mein Sony Ericsson, es hat hier Duzende von Läden mit Natels, und auch die chinesische Durchfallmedizin ergänze ich vorsichtshalber wieder. Auf der Strasse werde ich von einem Grüppchen fröhlicher Frauen angehalten, die wollen, dass ich mich zu ihnen setze. Trotz Sprachproblemen kann ich ihnen auf die meisten Fragen antworten. Ja, ich reise alleine. Aus der Schweiz komme ich. Und ja, 50ig jährig sei gar nicht so schlecht, da habe sie gut geraten. Und gegessen hätte ich bereits, danke. Nach Yuanyang wolle ich weiter. Ich finde sogar heraus, dass die Frau, die an einem Holzstück herumhobelt, daran ist, eine Medizin herzustellen. - Ist doch wahnsinnig, wie viel Kommunikation möglich ist, wenn alle wollen.