Montag, 28. September 2009






23. September, Kunming

Von der Farbe des Wassers. Chinesen lieben Wasser und Wasserflächen hat es denn auch fast überall, in jeder Stadt, all die Spiegelungen haben etwas Magisches. Sie sitzen auch sehr gerne am Wasser und dies ganz unabhängig davon, wie sauber es ist und wie es riecht.Bis gestern habe ich Wasser in China eigentlich immer nur entweder ockerbraun, rotbraun oder tiefschwarz angetroffen. Letzteres vor allem bei den Teichen in den verschiedenen Parks in Suzhou. Fast etwas unheimlich wirkte dieses finstere Wasser auf mich, doch die Spiegelungen waren wunderbar.
Gestern bin ich mit dem Zug von Chonqing aus Richtung Kunming aufgebrochen. Anfangs folgten wir einem Flusslauf, leider habe ich noch nicht herausgefunden welchem, über die Karten hier habe ich ja bereits berichtet. Ein zusätzliches Problem ist, dass sie bereits veraltet sind, wenn sie vom Druck kommen, denn hier wird ganz unheimlich am Bahn- und Strassennetz gearbeitet. Auch durch dieses rasch sehr ländliche Tälchen, dem wir mit dem Zug folgen, gibt es eine Autobahn. Eine Minimalautobahn würde ich sagen, 4 Spuren, keine Pannenstreifen, nichts unnötiges, doch trotzdem viel Aufwand, denn die Gegend ist sehr gebirgig, häufig führt das Trassee auf Betonpfeilern über Täler oder den Abhängen entlang. Verkehr darauf hat es praktisch keinen, noch viel weniger, als auf der Autobahn von Wuhan nach Yichang, irgendwie scheinen mir diese Fernverbindungen auf Vorrat gebaut zu sein. Doch vielleicht haben ja einmal genügend Chinesen Autos, damit die benutzt werden können. Mit dem momentanen Fortschritt, allein in Peking sollen täglich 1000 Fahrzeuge neu in Betrieb genommen werden, ist das gar nicht so unwahrscheinlich.Das merkwürdige an dieser einsamen Autobahn: Irgendwie stört sie die Idylle des Tales nur wenig. Der Fluss, anfangs noch braun, ich komme auf die Farbe zurück, wird zusehends grüner und endet in einer Art Schilfgrün und sieht so bereits recht sauber aus. Besiedelt ist die Gegend wenig, endlich kleine, teils auch noch alte Bauerndörfer. Einstöckige Gebäude aus Backstein mit grauen Ziegeldächern. Oder dann, was mich erstaunt, auch eine Art Rieghäuser wie wir sie kennen. Weiss gestrichen zwischen den dunklen Balken. Die Abhänge sind meist steil, bereits einige kegelförmige Bergformen, häufig bis weit hinauf terrassiert, etwas trockener jetzt, wie mir scheint. Oder auch nur entwaldet, nur vereinzelte Bäume. Doch man sieht gewaltige Anstrengungen. Die neuen Einschnitte, die Strassen und Bahn verursachen, werden mit Bäumen bepflanzt. Gegen die Erosion wird eine Art Betongitter über die Böden gelegt, das in Zickzacklinien das Wasser ableitet und eine Erosion verhindern soll. Man hat offensichtlich gelernt aus den Fehlern.Angebaut wird immer noch Reis, viel Mais nun auch, eine Art Süsskartoffel nehme ich an und neu hier gegen Süden zu auch Tabak und Sonnenblumen. Ich sehe erste Pferde und Esel auf dem Land, kleine Tiere scheinen mir das, die vor Wägelchen gespannt werden.
Doch zurück zu der Farbe des Wassers. Blau ist die eigentlich fast nie. Höchstens das irisierende Türkis des tropischen Wassers rund um Korallenriffe. Oder manchmal das Gletscherblau in schweizer Seen. Oder dann auf Stadtplänen und Landkarten. Da sind die Gewässer immer Blau eingezeichnet, auf chinesischen Plänen sogar intensiv Dunkelblau.
Als es finster wird, durchfährt der Zug wieder grössere Siedlungen, doch haben die immer noch menschliche Dimensionen. Fünfstöckige Häuser, nichts höheres, und die Fassaden sind mit kleinen Plättchen mosaikartig verkleidet, was eigentlich recht schön ist. Nur scheinen sich diese Plättchen häufig selbständig zu machen und hinunterzufallen, weshalb da häufig unschöne Wunden in den Wänden klaffen. Irgendeinmal in der Nacht erreichen wir wieder eine schnelle Zuglinie, ich nehme an, diejenige von Chengdu und rasen mit hoher Geschwindigkeit südwärts.
Eine Reise in einem chinesischen „Soft sleeper“ ist ein Erlebnis an und für sich. Die einzelnen Abteile, je sechs Pritschen, ich habe das Glück, die unterste gekriegt zu haben, sind nicht durch Türe und Wand vom Rest des Wagons abgetrennt, was ich eigentlich sehr angenehm finde, man kriegt da weniger Platzangst. Und im Gang hat es gepolsterte recht bequeme Klappsitze, man ist nicht gezwungen, die ganze Zeit auf der Pritsche zu verbringen. Dies gibt mir Gelegenheit, das Publikum zu studieren. Chinesen sind sich ganz offensichtlich gewohnt ohne viel Privatsphäre zusammen zu leben. Ich teile mein Abteil mit einer Familie, Vater, Mutter und eine etwa zweijährige Tochter, die obersten Pritschen bleiben leer, der Zug ist nicht ganz ausgebucht. Sofort werden mir frische Trauben angeboten, ich habe zwar kurz Bedenken, frische Früchte werden in den Reiseführern verteufelt, doch dann finde ich, dass Anstand wichtiger sei und bedanke mich für das Angebot. Die Trauben sind übrigens ganz wunderbar. Genauso wie etwas später die sehr saftigen Äpfel, ich zögere jetzt bereits nicht mehr. Bin nur etwas geniert, denn ich habe nichts anzubieten, ich muss mir das in Zukunft merken. In einen Zug, da geht man nicht ohne genügend Esswaren für eine ganze Familie.Wir finden Chinesen meist schmutzig, weil die Böden ziemlich fleckig sind. Ich habe heraus gefunden, dass die Chinesen dies sehr wohl auch unangenehm schmutzig finden, daran liegt es nicht. So beobachte ich die Mütter - es hat zwei weitere Kleinkinder im Wagon - wie sie ihren Kleinen immer sofort Schuhe anziehen, sobald sie von den Pritschen hinunter wollen. Und diese entfernen, sobald sie wieder hinauf wollen. Und wenn sie, nach Kleinkinderart sich auf den Boden setzten oder knien wollen, dann werden sie von den Müttern sofort an den Armen hochgezogen, meist ein kleiner Klaps auf den Hinterteil, es ist klar, dass dies äusserst unerwünschtes Verhalten ist. Selbst wenn sie mit den Händchen den Boden absuchen wird dies sofort verwehrt und mit einem Klaps auf das Händchen quittiert. Nun darf man aber nicht meinen, dass chinesische Mütter lieblos wären, ganz im Gegenteil, sie sind extrem beschäftigt mit ihren Kleinen, sie haben ja auch nur ein einziges, und das wird gewaltig verwöhnt. Dauernd herumgetragen, herumgeschmust. Aber eben, was wir als normales kindliches Verhalten quittieren, das gefällt den chinesischen Frauen gar nicht. Wohl deshalb tragen sie häufig auch noch recht grosse Kinder herum, der Boden ist hier so schmutzig.Chinesen sind also nicht im geringsten Leute, die den Schmutz lieben, weil sie in einer schmutzigen Umgebung leben. Für sie ist es einfach normal, dass auf den Boden gespuckt wird, kleine Kinder werden für ihr Geschäft häufig in der Strasse hochgehoben. Die Frauen umklammern dabei die Kinder an den Oberschenkeln, so dass sie sitzend über dem Boden schweben. Dabei geht der Hosenschlitz auf, das Hinterteil ragt heraus und das Geschäft kann ohne ein sich Beschmutzen erledigt werden. - Ich muss wohl erst einmal die Kleinkindermode erläutern. Bis etwa dreijährig haben die Kleinen Hosen an, die vom Bauchnabel bis zum Hinterteil einen Schlitz haben. Davon sieht man kaum etwas beim Stehen oder beim Gehen. Hingegen klafft der sofort auf, sobald ein Kind sich setzt oder niederkniet. Windeln schient man in China nicht zu kennen, vermutlich finden sie dies ebenso unappetitlich wie das Benutzen und mit sich Herumtragen von gebrauchten Nastüchern (was es im Prinzip ja auch ist. Obwohl ich sagen muss, dass ich trotz Windelpaketen mich nicht an dieses traumatisches Erlebnis erinnern kann). Schmutziges sollte hier nicht an den Leib kommen, das ist mir klar.Nicht klar – immer noch nicht nach all meinen Beobachtungen letzte Nacht – ist mir, wie die Mütter merken, wann die Kinder müssen. Einmal fragte die Frau ihren Mann um WC-Papier und verschwand dann mit der Kleinen rasch Richtung Toilette. Ich jedoch habe dem Kind überhaupt nichts angemerkt. Und bin auch höchst erstaunt, dass die Pritschen, welche die Kleinen mit ihren Müttern teilen, offensichtlich am Morgen noch trocken und sauber sind. – Dies erste Studien zu Intimitäten und Mysterien der chinesischen Bevölkerung.

2 Kommentare:

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  2. In den ersten Jahren nach Gründung der Volksrepublik macht das bis dahin ärmste und verkommenste Land der Welt schnelle Fortschritte. Massenkampagnen führen den Standpunkt von Sauberkeit und Hygiene in den Städten und auf dem Land ein; es wird eine rudimentäre medizinische Versorgung durch sog. »Barfußärzte« aufgebaut; (fussnote:32) Alphabetisierungskampagnen werden durchgeführt. Da die materiellen Mittel für ein solches Programm ebenso fehlen wie die nötigen Fachkräfte (Lehrer, Ärzte), propagiert die Kommunistische Partei das Prinzip, »auf die eigenen Kräfte zu vertrauen«. Medizinisches Fachpersonal wird ersetzt durch angelernte Laien. Jeder, der lesen kann, soll es anderen beibringen - die Kinder den Eltern, der eine Bauer dem anderen. Simone de Beauvoir, die das Land 1958 bereist, ist beeindruckt von der peinlichen Sauberkeit in den städtischen hutongs (Hofhäusem), den Fabriken und auch auf dem Land. Bei aller Ärmlichkeit der Wohnverhältnisse stellt sie fest: »Das Attribut >übelriechend< das man im Abendland den malerischen Armenvierteln beilegt, ist hier fehl am Platz: in Peking riecht es nicht schlecht. Mit den verrufenen Gassen von Neapel, Lissabon und Barcelona haben diese Straßen nichts gemein; hier sieht man nie jemanden alte Zeitungen stehlen oder die Müllkästen nach Zigarettenstummeln durchwühlen wie in gewissen Straßen Chicagos, und begegnet auch nicht diesen >vergessenen< Menschen, die auf der Bowery in New York dahinvegetieren. Und hier sind alle Kinder sorgfältig gekleidet, wird auch die kleinste Hautwunde, der kleinste Pickel sogleich mit einem Desinfektionsmittel bepinselt, mit einem Pflaster versehen oder sauber verbunden. In allen anderen Ländern der Welt scheint die Hypothese, dass große Armut unweigerlich mit einem Mangel an Hygiene, mit Schmutz und Seuchen identisch sei, bestätigt zu werden. In Peking aber stellt selbst der misstrauischste Besucher verblüfft fest, dass es dort Menschen gelungen ist, diese tief eingewurzelte Tradition zu dementieren.« (de Beauvoir 1960: 43f.)

    32 »Sie (die durchschnittliche Lebenserwartung, d. Verf.) stieg zwischen 1953 und 1970 um über ein Jahr per annum - dies ist auch im internationalen Vergleich ein äußerst rascher Rückgang der Sterblichkeit, der die großen gesundheits- und sozialpolitischen Leistungen der Volksrepublik zum Ausdruck bringt.« (Thomas Scharping, Bevölkerungspolitik und demographische Entwicklung, in: Fischer/Lackner 2007: 61)

    Renate Dillmann, China, Hamburg 2009, isbn 978-3-89965-380-9, S.63f Beauvoir, Simone de, China das weitgesteckte Ziel, Hamburg 1960

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